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Krise in der Ukraine : Sagen Sie Merkel: Wir wollen eure Panzer nicht

Ros-si-ja, Ros-si-ja: Demonstranten Mitte dieser Woche in Luhansk Bild: REUTERS

Begegnung in Luhansk: Eine alte Frau steht am östlichen Ende der Ukraine bei den prorussischen Demonstranten und sagt: Ich bin wegen meines Vaters hier. Der ist 1943 gefallen.

          Vor einigen Tagen stand Margarita Fjodorowna Adulow, geboren im Kriegsjahr 1943 im Dorf Nowosemjonki in Baschkortostan, auf der Sowjetskaja-Straße in Luhansk. Seit siebenundvierzig Jahren wohnt sie dort, sie war Bauingenieurin, bevor sie in Pension ging, sie hat diese eigentümliche Großstadt mit aufgebaut, in der die Zeit irgendwann stehengeblieben ist, dieses überdimensionierte Nest aus Blocks und Schloten am östlichen Ende der östlichen Ukraine, wo alles noch so aussieht wie vor dreißig Jahren und wo die Sushi-Läden und Leuchtreklamen der neuen Welt noch so weit sind wie Alpha Centauri. Jetzt demonstrieren in Luhansk prorussische Aufständische, und einige von ihnen haben das Geheimdienstgebäude an der Sowjetskaja besetzt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Margarita Fjodorowna hatte mich möglicherweise schon einige Zeit beobachtet. Jedenfalls stand sie plötzlich vor mir, mitten in der Menge. „Richten Sie der Merkel Folgendes aus“, sagte sie mit einem Ausdruck, in dem sich Bestimmtheit mit beherrschter Erregung mischten: „Wir wollen eure Panzer nicht. Wir wollen hier nicht die Panzer der Nato. Wir wollen nicht die Panzer Europas.“

          „Sie sind nicht schuld“

          Ich musterte sie: eine gesetzte ältere Frau mit mausgrauem Anorak und konzentrierten Zügen. Eine wie sie stellt sich eigentlich nicht einfach zu den Krakeelern auf die Gasse – und trotzdem war sie auf die Sowjetskaja gegangen, zu den Russlandfreunden, die das Geheimdienstbüro besetzt, die Fenster eingeschlagen und über dem Eingang eine orthodoxe Muttergottes und einen Sowjetstern samt Hammer und Sichel befestigt hatten. Jetzt lümmelten sie, Zigarette im Mundwinkel und Kalaschnikow über der Schulter, in den zerbrochenen Fenstern, während draußen ein paar unrasierte Männer in Trainingsanzügen „Ros-si-ja, Ros-si-ja“ skandierten.

          Was verschlägt eine gestandene Frau hierher, eine Ingenieurin im Ruhestand? Ich habe die Frage gar nicht stellen müssen. „Es ist wegen meines Vaters“, sagte sie bestimmt, mit steigender Erregung. „Er ist gefallen. Dreiundvierzig. Vor Charkow, im Krieg gegen die Faschisten. Wegen ihm bin ich hier. Damit es nicht umsonst war.“ Sie stockte. Vielleicht kam es ihr gerade in den Sinn, dass sie ja mit einem Deutschen sprach, mit einem von denen, die auf ihren Vater geschossen hatten. Damals sind viele in ihrem Dorf vaterlos aufgewachsen, es gab keine Väter mehr nach dem Krieg, und sie waren sieben Geschwister. Aber was sich gehört und was nicht, hat sie dann doch gelernt: Man ist nicht grob zu einem Gast, auch wenn er einer von denen ist. So hielt sie also inne, fasste meine Hand, und mir schien, dass eine Art Rührung sie erfasste. „Sie sind nicht schuld“, sagte sie. „Sie sind ja so jung. Aber sagen Sie das der Merkel. Es war zu viel Blut für nur eine Generation. Mein Vater ist tot, und wir wollen eure Panzer nicht.“

          Panzer der Nato, Panzer Europas, deutsche Grenadiere in der Steppe; Faschisten auf der Sowjetskaja, unter den Abraumhalden, in den Gruben des Donbass; tote Väter, Helden, deren Sterben nicht vergeblich gewesen sein soll: Nichts deutet darauf hin, dass Margarita Fjodorowna solche Vorstellungen für irgendwie aus der Zeit gefallen halten könnte, für einen irrealen, skurrilen Albtraum. Sie scheint von diesen Bildern erfüllt zu sein, wie so viele im Donbass.

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