https://www.faz.net/-gq5-7saij

Ukraine-Krise : Russland: Ukraine lügt über MH17-Absturz

  • Aktualisiert am

Internationale Fachleute untersuchen Anfang August Trümmerteile des Wracks von MH-17 nahe Grabovo Bild: REUTERS

Russland wirft der Ukraine vor, Satellitenbilder über den Absturz von Flug MH17 gefälscht zu haben. Derweil bereitet die russische Armee Manöver vor.

          Russland hat der Ukraine vorgeworfen, gefälschte Satellitenaufnahmen der vermutlich abgeschossenen malaysischen Passagiermaschine MH17 vorgelegt zu haben. Die von Kiew vor kurzem veröffentlichten Bilder seien erst nach der Katastrophe entstanden und dann retuschiert worden, teilte am Freitag das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Interfax zufolge mit.

          Die Aufnahmen sollten vermutlich den Eindruck erwecken, moskautreue Separatisten hätten die Boeing mit 298 Menschen an Bord mit Hilfe russischer Waffen abgeschossen. Wolkenhimmel und Schatten auf den Bildern würden aber „Spuren einer Bearbeitung“ tragen, hieß es.

          Am Absturzort in der Ostukraine warfen die Aufständischen der prowestlichen Führung in Kiew vor, eine selbst ausgerufene Feuerpause nicht einzuhalten. Die Armee feuere aus Mehrfachraketenwerfern, sagte Separatistenanführer Andrej Purgin. Die militanten Gruppen könnten daher die Sicherheit internationaler Ermittler nicht garantieren.

          Ermittler kommen voran

          Zwei Wochen nach dem Absturz des Passagierflugzeugs MH17 im ukrainischen Konfliktgebiet kommen die Arbeiten ausländischer Experten an dem Trümmerfeld allmählich voran. Trotz weiterhin erbitterter Gefechte in der Region könnten Fachleute aus Australien und den Niederlanden ihre Ermittlungen fortsetzen, sagte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw am Freitag in Kiew. Mehr als 100 Fachleute suchten nach Hinweisen auf die Unglücksursache sowie nach sterblichen Überresten. Die bisher größte internationale Gruppe am Ort sei mit mehr als 14 Wagen nach Grabowo gefahren, teilte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit.

          Die Boeing mit 298 Menschen an Bord war am 17. Juli abgestürzt. Die ukrainische Armee und prorussische Separatisten beschuldigen sich gegenseitig, das Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen zu haben.

          Der russische Präsident Wladimir Putin ruft auf einer Gedenkveranstaltung zum Beginn des ersten Weltkrieges zu  „gutem Willen und Dialog“ auf

          Kremlchef Wladimir Putin mahnte zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, dass der Friede in Europa „zerbrechlich“ sei. Ohne den blutigen Konflikt in der Ukraine direkt zu erwähnen, sagte Putin in Moskau: „Die Menschheit sollte längst begriffen und die wichtigste Wahrheit anerkannt haben: Gewalt erzeugt Gewalt.“ Frieden und Wohlstand seien nur durch „guten Willen und Dialog“ zu erreichen. Dies seien die Lehren aus Kriegen, sagte der Präsident bei der Einweihung eines Denkmals für die Opfer des Ersten Weltkriegs.

          Erler warnt vor Eskalation

          Wenige Tage nach einer Teilmobilmachung in der krisengeschüttelten Ukraine kündigte Russland stufenweise Militärübungen in allen Wehrbezirken an. In den nächsten drei Monaten würden Reservisten zu Manövern einberufen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die seit Monaten geplanten Übungen seien keine Reaktion auf die Gefechte im Nachbarland, sagte ein Sprecher. Kiew wirft Moskau vor, einen Einmarsch zu planen.

          Russlands Generalstaatsanwalt Juri Tschaika erhob seinerseits schwere Vorwürfe gegen die prowestliche Regierung in der Ukraine. „Wir sind Zeuge von Kriegsverbrechen, für die das ukrainische Militär strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird“, sagte der kremltreue Jurist. Die Armee verwende verbotene Waffen wie etwa ballistische Raketen sowie Phosphorbomben gegen friedliche Bürger.

          Der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), warnte vor einer Eskalation der Ukraine-Krise. „Der russische Präsident Wladimir Putin steht unter sehr starkem Druck, die von ihm unter Schutz genommenen russischsprachigen Bewohner der Ostukraine nicht im Stich zu lassen“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Freitag). Falls den Separatisten eine Niederlage drohe, könne niemand ein Eingreifen Moskaus ausschließen. „Es wäre eine schreckliche Eskalation, wenn es zu einer direkten Intervention (Russlands) käme“, sagte Erler.

          Am Absturzort im Raum Donezk setzten Experten die Bergung von Leichen fort, wie die OSZE in Wien mitteilte. Erbitterte Kämpfe in der Region hatten dies bislang verhindert. Noch immer wurden Dutzende Leichen in dem Trümmerfeld nicht geborgen. Nach OSZE-Angaben sollen nun auch Spürhunde eingesetzt werden, um verbliebene menschliche Überreste zu finden.

          Abermals Gefechte

          Die ukrainische Armee und die moskautreuen Separatisten vereinbarten bei Krisengesprächen in Minsk, den Ermittlern einen Zugang zum Absturzort zu gewährleisten, wie der ukrainische Ex-Präsident Leonid Kutschma in Kiew sagte. Beide Lager hätten zudem den gegenseitigen Austausch von 20 Gefangenen beschlossen. „Die Männer werden in Kürze freigelassen“, sagte Kutschma, der am Donnerstag als Vermittler an dem Treffen in der weißrussischen Hauptstadt teilgenommen hatte.

          Ukrainische Soldaten gehen in der Umgebung von Lugansk gegen prorussische Separatisten vor

          Bei erneuten heftigen Gefechten kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Mindestens zehn ukrainische Soldaten seien getötet worden, als ihre Einheit in Schachtjorsk bei Donezk in einen Hinterhalt geriet, sagte Armeesprecher Alexej Dmitraschkowski. Dabei starben auch vier Separatisten. In Lugansk wurden mindestens fünf Zivilisten getötet.

          Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko unterzeichnete zwei wichtige Abkommen. Sie gestatten Australien und den Niederlanden, bewaffnete Kräfte an den Absturzort zu entsenden. Beide Länder dürften insgesamt 950 Soldaten und Ermittler zeitweise stationieren. Die Aufständischen kritisierten diese Vereinbarung scharf. „Das ist eine Militärintervention, gegen die wir uns wehren werden“, drohte der Separatistenführer Andrej Purgin in Donezk.

          Die Niederlande leiten den Einsatz in Grabowo, weil 193 der 298 Opfer Niederländer waren. Aus Australien kamen 28 der Absturzopfer.

          Weitere Themen

          Die da oben

          FAZ Plus Artikel: Populismus : Die da oben

          Populisten geben sich gerne als Männer und Frauen des Volkes. Am Beispiel der AfD kann man jedoch sehen: Kritiker der „Elite“ sind meist elitärer, als ihre Rhetorik vermuten lässt.

          Topmeldungen

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Einer für alles: Aktuelle Samsung-Fernseher haben auch die Apple-TV-App installiert.

          Video-Streaming im Überblick : Was gibt es da zu glotzen?

          Netflix, Amazon, Sky und jetzt noch Apple: Video-Streaming ersetzt immer mehr das klassische Fernsehen. Das Angebot wird vielfältiger und der Zugang komfortabler.
          Stephan E. soll den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben.

          Geheimpapier : Falsche Angaben im Fall Lübcke?

          Der hessische Verfassungsschutz soll im Vorfeld mehr über Lübckes mutmaßlichen Mörder gewusst haben, als zunächst zugegeben wurde. Ein Geheimpapier belastet die Behörde.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.