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Ukraine-Krise : Niemand hat die Absicht, eine Stadt anzugreifen

Zerstörung in den Straßen von Mariupol. Bild: AFP

Nach dem Raketenangriff auf Mariupol droht eine neue Eskalation der Gewalt in der Ostukraine. Vieles spricht für einen Angriff der Separatisten. Russland könnte die Kontrolle von Mariupol sehr nutzen.

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          Mariupol war keine Stadt im Kriegszustand, als am Samstag die Raketen einschlugen. Die Hafenstadt am Asowschen Meer mit ihren gewaltigen Stahlwerken hatte seit dem Frühjahr im Schatten des Kriegsgeschehens im Donbass gestanden. Ein von Russland unterstützter Vorstoß der Separatisten Ende August von der nahen russischen Grenze her, die Küstenstraße entlang, war damals kurz vor der Stadt zum Stehen gekommen, gestoppt von der ukrainischen Armee und dem Freiwilligen-Bataillon „Asow“. Seither herrschte relative Ruhe in Mariupol.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bis zum Samstagmorgen. Nur drei Tage, nachdem Russlands Außenminister Sergej Lawrow seinen Kollegen aus der Ukraine, Frankreich und Deutschland während eines Treffens in Berlin in die Hand versprochen hatte, Russland werde die Separatisten dazu drängen, den im Herbst geschlossenen Waffenstillstand endlich zu respektieren, hatte es mit der relativen Ruhe von Mariupol ein Ende. Gegen 9 Uhr 15 registrierte die Beobachtermission der OSZE in der Stadt, wie es in ihrem danach veröffentlichten Bericht heißt, „massive Angriffe durch Mehrfachraketenwerfer aus Nordost, ein extrem schweres Trommelfeuer von 35 Sekunden“. Bald schwirrten die üblichen Amateurvideos durchs Internet: Fassungslose Menschen blicken auf Tote, zerstörte Häuser, Rauch im Winterhimmel. Die Stadtverwaltung teilte mit, 30 Menschen seien getötet, 93 verletzt worden. Man habe Schäden an 53 Wohnblocks und 14 sonstigen Häusern festgestellt.

          Wer hat geschossen? Wie immer bekennt keine der kriegführenden Parteien sich zum Raketenangriff auf das friedliche Mariupol. Doch es gibt Fakten. Das „Oberhaupt“ der separatistischen „Volksrepublik Donezk“, Alexander Sachartschenko, hatte erst am Freitag, nachdem eine Granate unbekannter Herkunft einen vollbesetzten Bus in seiner „Hauptstadt“ Donezk getroffen hatte, verkündet, der Waffenstillstand mit den Ukrainern sei nunmehr zu Ende. Fortan würden seine Leute nicht ruhen, bis das gesamte Gebiet Donezk (zu dem auch Mariupol gehört) in ihren Händen sei.

          Am Samstag wurde er noch konkreter. Ein Video zeigt ihn, wie er auf offener Straße seinen Anhängern zuruft: „Heute haben wir den Angriff auf Mariupol begonnen. Das wird ein Denkmal für die Toten.“ Aus der Menge tönen an dieser Stelle Jubelrufe: „Hurra!“ „Pfundskerle!“ und sogar (eine Frauenstimme) „Halleluja!“. Allerdings mag der Separatistenführer irgendwann auch verstanden haben, dass solche Kriegsfanfaren angesichts des Blutzolls vom Samstag auf manche wie ein Geständnis wirken könnten – jedenfalls wird er in manchen Quellen auch mit der Aussage zitiert, es gebe keine „aktiven Handlungen“ rund um die Stadt. „Niemand hat die Absicht, Mariupol zu stürmen.“

          Das halbe Dementi hat manche unbeeindruckt gelassen. Die Sondermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Mariupol hat jedenfalls nach der Untersuchung der Granattrichter in einer ungewöhnlich deutlichen Erklärung den Separatisten die Schuld am Blutbad zugewiesen. In ihrem Bericht vom Einschlagsort heißt es, sie habe zahlreiche Treffer an Läden, Wohnhäusern und einer Schule festgestellt, die von Raketen des Typs „Grad“ und „Uragan“ stammten. Die Analyse der Einschläge deute darauf hin, dass die „Grad“-Geschosse aus der Ortschaft Oktjabr, 19 Kilometer nordöstlich von Marjupol kämen, Die „Uragans“ dagegen aus Sajtschenko, 15 Kilometer östlich – „beide unter der Kontrolle der ,Volksrepublik Donezk‘“.

          Kiews Druckpotential

          Es gibt mehrere mögliche Motive für einen Angriff der prorussischen Separatisten auf Mariupol. Das schwärzeste Szenario wäre, dass damit die „Operation Landbrücke“ beginnen würde – ein russischer Vorstoß entlang der Küste des Asowschen Meeres vom russischen Territorium im Osten hin zur im März völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim. Gründe dafür gäbe es genug. Die Krim hat keine Landverbindung zu Russland, die Fähren über die Straße von Kertsch sind hoffnungslos überlastet, und die Ukraine kann die Landenge von Perekop, die Anbindung ans Festland, beliebig sperren – einschließlich lebenswichtiger Wasser- und Stromleitungen. Kiew hat damit ein Druckpotential gegen Moskau, das es zuletzt auch immer wieder dosiert genutzt hat.

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