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Ukraine-Krise : Die dicke rote Linie der Nato im Baltikum

Luftraumüberwachung: Amerikanische F-15-Kampfflugzeuge patrouillieren über Litauen Bild: NATO

In Reaktion auf die Annexion der Krim überarbeitet die westliche Militärallianz ihre Verteidigungspläne für die baltischen Staaten. Eine dauerhafte Präsenz von Nato-Kampftruppen in Lettland, Litauen und Estland ist im Gespräch. Aber wieviel könnten sie im Ernstfall ausrichten?

          Ende dieser Woche waren die Botschafter aller 28 Nato-Staaten in Estland. Sie besichtigten das Exzellenz-Zentrum zur Abwehr von Cyberangriffen, eine Denkfabrik der Allianz, und besuchten eine Luftwaffenbasis, von der aus Nato-Kampfflugzeuge den Luftraum über dem Baltikum überwachen. Die Reise war schon vor ein paar Monaten geplant worden, aber nun passte sie umso besser ins Bild: Die Nato bemüht sich derzeit sehr, die Staaten an der Grenze zu Russland, insbesondere die drei baltischen, ihrer Solidarität zu versichern.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Balten werden zwar nicht direkt bedroht, aber die Ereignisse der vergangenen Wochen haben ihr ohnehin ausgeprägtes Unsicherheitsgefühl verstärkt. „Es macht uns einfach Angst, wenn der russische Präsident sich das Recht herausnimmt, in einem fremden Land zu intervenieren, um dort angeblich Russen zu schützen“, sagt der lettische Außenminister Edgars Rinkevics. Man muss dazu wissen: Ein Drittel der Einwohner Lettlands und Estlands ist russischstämmig, und etwa die Hälfte von ihnen besitzt nicht einmal die Staatsangehörigkeit.

          Außerdem stehen russische Truppen fast an der Grenze. Rinkevics berichtet von einem Geschwader, das nur 26 Kilometer entfernt stationiert sei. Dort habe sich die Zahl der Kampfhubschrauber in letzter Zeit verdoppelt, und es fänden Flugübungen statt – eine Demonstration russischer Stärke.

          Dicke rote Linie

          Nicht nur für die drei baltischen Staaten, für die Nato insgesamt steht eine Menge auf dem Spiel. Sie hat klargemacht, dass sie Russland in der Ukraine nicht militärisch stoppen wird. Zugleich hat sie eine dicke rote Linie um ihre östliche Außengrenze gezogen. Im „hypothetischen Fall“ eines russischen Überfalls „würden wir alle notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung Estlands treffen“, sagte Nato-Generalsekretär Rasmussen vergangene Woche der F.A.S.

          Das klingt kraftvoll. Aber es ist leichter gesagt als getan. Denn so recht weiß niemand, ob die Nato die drei kleinen Staaten an ihrer nordöstlichen Flanke wirksam verteidigen könnte, wenn plötzlich russische Panzer über die Grenze rollten und Elitetruppen strategisch bedeutsame Ziele einnähmen. Die russische Kommandoaktion auf der Krim hat im Hauptquartier der Allianz mächtig Eindruck gemacht. Ohne Vorwarnung hatten sich Spezialkräfte Ende Februar die Halbinsel unter den Nagel gerissen. „Ich hätte mir so was im Traum nicht vorstellen können“, gibt ein erfahrener Diplomat zu, „obwohl wir in Sachen Russland ja schon einiges erlebt haben.“

          Zum Beispiel den Georgien Krieg im Sommer 2008. Auch damals hatten sich russische Truppen im Zuge von Manövern in Stellung gebracht, der Aufmarsch war wochenlang vorbereitet worden. Allerdings gab Georgien den ersten Schuss auf Südossetien ab, und die folgende Intervention war kein Ruhmesblatt für die russischen Streitkräfte. Zwar hatten sie nach fünf Tagen ihre Ziele erreicht, aber nur wegen ihrer Überzahl und mit empfindlichen Verlusten.

          Nato-Strategen fanden schnell heraus, dass die russischen Truppentransporter schlecht geschützt waren, die Einheiten untereinander keinen Kontakt hatten und es ihnen nicht gelang, die georgische Luftabwehr auszuschalten. Für die Balten war das aber nur eine schwache Beruhigung. Sie identifizierten sich mit den Georgiern und begannen zu fragen, ob die Nato sie wirklich vor einer russischen Intervention schützen würde. „Wir können uns auf weitere politische Forderungen nach einem umfassenden Plan der Nato zur Verteidigung der Balten einstellen“, kabelte der amerikanische Botschafter in Riga ein paar Tage nach Kriegsende an das State Department.

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