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Ukraine-Krise : Die letzten Tage des Präsidenten Janukowitsch

Janukowitschs letzte Fernsehansprache an sein Volk. Wenig später floh er nach Russland. Bild: Screenshots F.A.S.

Der Februar 2014 hat die Ukraine verändert. Nach dem Blutbad auf dem Majdan musste Präsident Viktor Janukowitsch fliehen und die Opposition übernahm die Macht. Doch es gab auch andere Pläne.

          Der Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch dauerte drei Tage. Am ersten, dem 20. Februar 2014, einem Donnerstag, erreichte der Aufstand des Euromajdan im Zentrum Kiews seinen Höhepunkt. Es hatte zuvor Tote gegeben, unter ihnen viele Polizisten. Der Präsident war am Ende seiner Kräfte. Seine langjährige Vertraute Hanna Herman erzählt, sie habe ihn aufgelöst in seinem Büro angetroffen. Janukowitsch, der sonst auf Äußeres achtete und eine jüngere Geliebte unterhielt, sei, während die Stadt unter Rauch stand, mit hängendem Hemd erschienen, zitternd, von Selbstmord redend. Als sie ihm widersprach, habe er sie hinausgeworfen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Flughafen trafen an jenem Donnerstag früh morgens drei Vermittler ein: der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie seine Kollegen Laurent Fabius aus Frankreich und Radoslaw Sikorski aus Polen. Sie hatten ausgemacht, Janukowitsch vorgezogene Präsidentenwahlen, eine Regierung unter Einschluss der Opposition und eine neue Verfassung vorzuschlagen. Der Präsident war darauf vorbereitet. Hanna Herman berichtet, morgens sei sie wegen der Schüsse durch einen unterirdischen Korridor vom Parlament zu Janukowitschs Kanzlei gegangen. Dort habe sie ihm ein Merkblatt vorgelegt, das die Zustimmung zu schnellen Wahlen schon enthalten habe.

          Während sie das Blatt übergab, begann draußen das Blutbad. Gegen acht Uhr geriet der Majdan außer Kontrolle. Schüsse peitschten, Massen wogten. Andrij Parubij, der Feldkommandant des Protestlagers, berichtet, er sei damals mit Sikorski im nahen Michaelskloster gewesen, wo die Toten der vergangenen Tage lagen. Dort hörte er die Schüsse, und als er zum Majdan rannte, öffnete sich ihm der Blick auf ein Schlachtengemälde. Demonstranten und Polizei standen unter Gewehrfeuer, Verletzte schrien. Am Nachmittag ging dann die Welle der Videos durchs Internet: Frauen und Männer blutend zusammengesackt, ohne Deckung auf offener Straße, während maskierte Täter Schuss um Schuss abgaben, systematisch, erbarmungslos. Zuletzt waren einschließlich der Opfer der vergangenen Tage 115 Menschen tot, unter ihnen 13 Polizisten. Bis heute ist unklar, wer schoss und wer die Schüsse befahl.

          Es ist auch nicht klar, ob der Präsident das Ausmaß der Tragödie kannte, als er kurz darauf mit den Ministern aus dem Westen und den Oppositionsführern Arsenij Jazenjuk, heute Ministerpräsident der Ukraine, Vitali Klitschko, heute Bürgermeister von Kiew, und Oleh Tjahnybok, dem Vorsitzenden der Partei „Swoboda“, zusammenkam. Von den Depressionen der vergangenen Tage war nichts an ihm zu bemerken, er schien kontrolliert und leugnete, das Massaker angeordnet zu haben.

          Im klassischen Potentatenstil begann Janukowitsch, seine Gäste durch endlose Tiraden in die Enge zu drängen. Sikorski berichtet, die Minister hätten vorab verabredet, dass Steinmeier Janukowitsch in so einem Fall unterbrechen würde. In der Tat sei es dann auch gelungen, das Wort zu erobern und ihm Vorschläge zu unterbreiten, allem voran die Verkürzung seiner Amtszeit. Janukowitsch habe den Raum verlassen, um mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu telefonieren. Als er wiedergekommen sei, habe er zugestimmt.

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