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Ukraine-Konflikt : Russischer Konvoi steuert Separatisten direkt an

  • Aktualisiert am

Der russische Hilfskonvoi wurde in der Nähe eines von den Separatisten kontrollierten Grenzübergangs gesehen Bild: AP

Die Kolonne mit 280 Lastwagen scheint auf direktem Weg zu den prorussischen Separatisten in der Ostukraine zu sein. Medienberichten zufolge ist sie nicht mehr weit von der Rebellenhochburg Lugansk entfernt.

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          Der umstrittene russische Hilfskonvoi für die Ostukraine nähert sich Journalisten zufolge einem Grenzübergang bei der Stadt Lugansk. Die Lastwagenkolonne sei etwa 50 Kilometer vor der Grenze zum Stehen gekommen, sagte ein Fotograf der European Pressphoto Agency (epa), der den Konvoi begleitet, der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag.

          Die russische Kolonne aus 280 Lastwagen habe bei Kamensk-Schachtinski auf einem Feld angehalten, sagte der epa-Fotograf. Von dort kann der Konvoi direkt auf ein Gebiet fahren, das von prorussischen Separatisten kontrolliert wird. Kiew hatte diese Variante zuletzt nicht ausgeschlossen. Eine Route über Charkow wurde verworfen, weil Kiew Angriffe von Radikalen auf den Konvoi fürchtet.

          Der Hilfstransport aus Moskau ist umstritten, weil die proeuropäische Regierung in Kiew Russland im Ostukraine-Konflikt als „Aggressor“ ansieht. Moskau wies Vorwürfe zurück, der Konvoi könnte Waffen für die prorussischen Separatisten enthalten.

          Bild: F.A.Z.

          Die ukrainische Regierung hat derweil einen ersten eigenen Hilfskonvoi für die Konfliktgebiete Donezk und Lugansk auf den Weg geschickt. Eine Kolonne aus 19 Lastwagen habe Kiew verlassen, teilte Irina Geraschtschenko von der Präsidialverwaltung am Donnerstag in der ukrainischen Hauptstadt mit. Insgesamt wolle die Regierung 773 Tonnen Lebensmittel in 71 Lastwagen nach Starobilsk bei Lugansk schicken, wo sie dem Roten Kreuz übergeben werden. Die Organisation soll auch die Verteilung von Gütern eines russischen Konvois übernehmen, der am Donnerstag die Grenze erreichen sollte.

          Vor einem Einsatz zur Verteilung russischer Hilfsgüter in der Ostukraine erwartet das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Sicherheitsgarantien aller Konfliktparteien. Der Respekt für die Neutralität und Unabhängigkeit des IKRK müsse durch eine ukrainisch-russische Vereinbarung gewährleistet werden, sagte IKRK-Sprecher Ewan Watson am Donnerstag in Genf.

          Zudem brauche das Rote Kreuz Informationen über den Inhalt der von Russland mit einem Konvoi zur ukrainischen Grenze geschickten Hilfsgüter. Diese Bedingungen seien beiden Seiten übermittelt worden, sagte Watson der Schweizer Nachrichtenagentur sda. Bei deren Verhandlungen gehe es derzeit auch um Zollfragen sowie die Art, wie die Hilfsgüter von der Grenze in die Ukraine gebracht werden.

          Ein Umladen am Zoll von russischen Lastwagen auf Rot-Kreuz-Fahrzeuge erfordere einen größeren logistischen Aufwand, sagte der Sprecher. Sollte es zu einem IKRK-Einsatz kommen, werde man sich auf Kräfte des ukrainischen Rote Kreuzes stützen. Neben den logistischen Fragen müssten auch die Bedürfnisse im Osten der Ukraine abgeklärt und der Ablauf der Hilfsgüterverteilung festgelegt werden. Bis alles dafür bereit ist, könnten die russischen Güter zwischengelagert werden.

          Separatistenführer tritt zurück

          Einer der Separatistenführer in Lugansk, Waleri Bolotow, erklärte unterdessen seinen Rücktritt. Eine Kampfverletzung mache seine weitere Teilnahme an den Gefechten gegen die Armee unmöglich, aber er arbeitete hinter der Front weiter, sagte er. Vor kurzem hatte es auch in der Separatistenhochburg Donezk einen Führungswechsel gegeben.

          Gut beschützt: Waleri Bolotow (Mitte) im Mai inmitten seiner Kämpfer
          Gut beschützt: Waleri Bolotow (Mitte) im Mai inmitten seiner Kämpfer : Bild: dpa

          Bei erbitterten Gefechten in der Ostukraine gab es erneut viele Tote. In Lugansk seien zahlreiche Zivilisten ums Leben gekommen, teilte die Stadtverwaltung mit. In Donezk wurde ein Mann getötet, elf weitere Menschen wurden verletzt. Granaten beschädigten mehrere Gebäude.

          Die Innenstadt der belagerten Separatistenhochburg Donezk im Osten der Ukraine ist am Donnerstag mit schweren Waffen beschossen worden. Mehrere Mörsergranaten schlugen in Gebäude der polytechnischen Universität und der Staatsanwaltschaft ein, die von Vertretern der selbsterklärten „Volksrepublik Donezk“ besetzt ist, wie eine Reporterin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die ukrainischen Regierungstruppen belagern die Industriestadt seit Wochen, doch leisten die prorussischen Separatisten heftigen Widerstand.

          Der russische Präsident Wladimir Putin sagt, dass er Russland nicht isolieren will
          Der russische Präsident Wladimir Putin sagt, dass er Russland nicht isolieren will : Bild: AP

          Russland wird nach den Worten von Präsident Wladimir Putin will nach eigenen Worten alles in seiner Macht stehende tun, damit der Konflikt in der Ukraine so bald wie möglich beendet werde und das Blutvergießen aufhöre. Bei einem Besuch auf der im Frühjahr in Russland eingegliederten ukrainischen Halbinsel Krim erklärte Putin am Donnerstag zudem, dass Russland sich nicht von der Welt abgrenzen wolle. „Wir müssen konsolidieren und mobilisieren, aber nicht für Krieg oder irgendeine Konfrontation (...), für harte Arbeit im Namen Russlands“, sagte Putin.

          In der Ostukraine bekämpfen sich seit Monaten ukrainische Regierungstruppen und prorussische Separatisten. Der Westen wirft Russland vor, die Rebellen zu unterstützen, und hat deswegen Wirtschaftssanktionen verhängt.

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