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Ukraine-Konflikt : Friedensstifter Putin?

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Wladimir Putin wirkt manchen Menschen in der Ostukraine als Friedensstifter Bild: dpa

Die Verwirrung im Osten der Ukraine hilft vor allem dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Es ist ihm gelungen in den Augen vieler Menschen als Helfer und Friedensstifter dazustehen.

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          Erst nannte die ukrainische Regierung den russischen Hilfskonvoi für die Bevölkerung in den umkämpften Gebieten der Ostukraine eine „Provokation“. Nun beteiligt sich Kiew selbst an diesem Wettretten und schickt einen eigenen, deutlich kleineren Konvoi mit Nahrungsmitteln in Richtung Osten. Möglicherweise hat man erkannt, dass sich allein mit der rhetorischen Abwehr der Hilfslieferung aus Moskau (was auch immer die Lastwagen in Wirklichkeit geladen haben) das Vertrauen der Menschen in den von Separatisten besetzten Gebieten nicht gewinnen lässt.

          In den umkämpften Städten und Dörfern herrscht große Not. Es fehlt an Nahrung und Medikamenten, Strom gibt es kaum mehr. Die Leute haben das Dach über dem Kopf verloren, auch weil die ukrainischen Truppen bei ihrem Antiterrorkampf offenbar die Zerstörung von Wohngebäuden und Infrastruktur billigend in Kauf nehmen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte dies schon vor Wochen angeprangert. Für viele Bewohner des Kampfgebietes ist deshalb keineswegs klar, wer tatsächlich Befreier ist und wer Besatzer. Zerbombte Häuser und die steigende Zahl von Opfern in der Zivilbevölkerung geben der russischen Propaganda, dass Kiew rücksichtslos „Krieg gegen das eigene Volk“ führe, täglich neue Nahrung.

          Keine Frage: Es war der russische Präsident, der den Konflikt vom Zaun gebrochen hat und der ihn mit konkreter Unterstützung für die Separatisten am Leben hält. Doch es gelingt Wladimir Putin, wie zynisch man das auch finden mag, in den Augen vieler Leute als Helfer und Friedensstifter dazustehen. Der Besuch der gesamten russischen Regierung und zahlreicher Abgeordneter auf der Halbinsel Krim in dieser Woche sollte auch ein Signal für die Menschen in der Ostukraine sein: Seht, so gut kümmert sich Moskau um die Seinen, lautet die einfache Botschaft. Putin bereitet damit den Boden einer prorussischen Stimmung auch für die Zeit nach dem Kampf mit den Separatisten.

          Die ukrainische Führung und die Europäische Union müssen sich beeilen, um den Wettlauf um die Gunst der ohnehin skeptischen und zutiefst verunsicherten Ukrainer im Osten des Landes nicht zu verlieren. Bereitgestellte Mittel müssen schnell dorthin gelangen, wo man sie benötigt. Vor allem aber muss Kiew den richtigen Ton finden, um seine Bürger zu erreichen.

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