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Julija Timoschenko : Die Magie ist verschwunden

  • -Aktualisiert am

„Phänomen Timoschenko“: Die Anhänger hoffen auf eine Überraschung am Wahltag Bild: REUTERS

Julija Timoschenko hat schon viele Rollen im ukrainischen Machttheater gespielt. Jetzt will sie Präsidentin werden und meidet im Wahlkampf weitere aggressive Töne. Trotzdem misstrauen ihr viele.

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          Die alte Julija mit dem geflochtenen Haarkranz hat an diesem Wahlkampfnachmittag auch noch einen kurzen Gastauftritt. Ganz am Ende trägt eine aufgeregte Verehrerin ein gerahmtes Porträt in Öl auf die Bühne im Kongresszentrum des Kiewer Hotels „Präsident“. Das Bild zeigt Julija Timoschenko mit der folkloristischen Haartracht, die sie inzwischen nicht mehr so oft trägt. Der Hintergrund des Gemäldes leuchtet blau und gelb in den Farben der Ukraine. Die Präsidentschaftskandidatin nimmt es gerührt in Empfang und umarmt die Schenkende. Sie genießt den offenbar inszenierten Moment, die Reminiszenz an einen längst vergangenen Julija-Kult. Doch es gibt nur höflichen Applaus von den 450 Unternehmern, die auf Timoschenkos Einladung zu dem Wahlkampfforum gekommen sind. Beifallsstürme hat die Frau, sie seit einem Jahrzehnt die ukrainische Politik mitbestimmt und im gesamten Land nur Julija genannt wird, schon lange nicht mehr gehört.

          An diesem Sonntag will sich Timoschenko zur Präsidentin wählen lassen. Alle anderen Rollen, die im Machttheater der Ukraine zu besetzen sind, hat sie schon gespielt: Timoschenko war Unternehmerin, Revolutionsführerin, Regierungschefin, Oppositionelle und politische Gefangene. Nun ist die 53 Jahre alte Politikerin wieder einmal davon überzeugt, die Einzige zu sein, die das Land retten kann. Für diese Mission hat sie sich neu erfunden. Seit sie im Februar, nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch, aus der Haft entlassen wurde, zeigt sich die früher stets extravagant auftretende Timoschenko meist in einer schlichten weißen Bluse und auf flachen Schuhen. Sie hinkt noch immer ein wenig, eine Folge des Rückenleidens, das sie während der zweijährigen Gefangenschaft quälte. Die blonden langen Haare trägt sie neuerdings häufig zu einem einfachen Knoten im Nacken zusammengedreht.

          Die Politikveteranin wusste am Wahltag stets zu überraschen

          Timoschenko zeigt sich siegesgewiss, obwohl sie in den jüngsten Umfragen weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz hinter dem Oligarchen Petro Poroschenko liegt. Nur zehn Prozent der ukrainischen Wähler wollen sie demnach wieder an der Spitze des Landes sehen. Es ist fraglich, ob sie es überhaupt in eine Stichwahl schafft. Andererseits wusste die Politikveteranin am Wahltag bisher stets zu überraschen. Von diesem „Phänomen Timoschenko“ erzählen im politischen Kiew viele in diesen Tagen.

          Die Kampagne ist so schlicht wie die neue Kleiderordnung der Kandidatin: Auf Werbeplakate, Wahlkampfstände und den üblichen Trubel hat sie verzichtet. Es sei unanständig, in Zeiten des Krieges Geld aus dem Fenster zu werfen, heißt es aus ihrem Lager. Besser sei das Geld bei der Nationalgarde investiert, die im Osten an der Seite ukrainischer Soldaten gegen bewaffnete Separatisten kämpft. Ein Seitenhieb vor allem gegen den Schokoladenfabrikanten Poroschenko, der sich seinen Wahlkampf allem Augenschein nach einiges kosten ließ.

          Kampagne ganz auf den Kampf gegen die Oligarchie ausgerichtet

          An diesem Nachmittag hat Timoschenko den Mittelstand eingeladen, jene Gruppe, die unter Korruption, Bürokratie und den Monopolen der Oligarchen am meisten zu leiden hat. Es sei ihr eine Ehre, vor Vertretern kleiner und mittelständischer Unternehmen aufzutreten, sagt sie. Timoschenko umklammert mit beiden Händen fest das Sprecherpult. „Sie alle hier sind unsere Stärke“, sagt sie, „die Grundlage der Demokratie.“ Timoschenkos Kampagne ist ganz auf den Kampf gegen die Oligarchie ausgerichtet, aber die Kandidatin selbst meidet aggressive Töne. Meistens.

          Bei dem dreistündigen Forum im Hotel „Präsident“ hat sie stattdessen eine Handvoll Fürsprecher gebeten, in ihrem Namen gegen die diversen Missstände zu wettern. Einem Unternehmer aus Odessa fällt die Aufgabe zu, die Oligarchen zu verdammen. „Die Oligarchie hat die Wirtschaft in die Knie gezwungen“, klagt er. Und nun finanziere sie auch noch die Separatisten. Das war ein Hieb gegen Rinat Achmetow, den Hausherrn im Donbass. Ihm sagen viele nach, er habe einigen Separatisten Geld gegeben. Inzwischen allerdings lässt Achmetow seine Arbeiter gegen die „Banditen“ protestieren.

          Timoschenkos kleine Inszenierung wirkt gelungen, doch die Mehrzahl der Menschen im Land vertrauen ihr nicht mehr. Schon während sie wegen Amtsmissbrauchs in Haft saß, hat ihr Schicksal immer weniger Menschen interessiert. Zu den kleinen Zelten in Zentrum von Kiew, wo Anhänger für ihre Freilassung demonstrierten, kamen meist nur ein paar ältere Leute. Die meisten Ukrainer sehen in Timoschenko kein Opfer Janukowitschs, sondern eine Nutznießerin des Systems, eine, die das Machtspiel mitgespielt – und am Ende eben verloren hat.

          Dmitro Firtasch spricht böse Gerüchte offen aus

          Timoschenkos Intimfeind, der Oligarch Dmitro Firtasch, der, nachdem Amerika ein Haftbefehl gegen ihn erließ, wegen Bestechung in Wien festsitzt, spricht die bösen Gerüchte offen aus. Die Politikerin simuliere ihre Krankheit nur, behauptet er, weil sie auf den Märtyrerstatus hoffe. Timoschenko tue auch nur so, als ob sie arm sei, sagte Firtasch diese Woche im Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“. In Wirklichkeit habe sie massenhaft Geld verdient mit Gasgeschäften auf dem Rücken der Ukraine. Geld, das nun auf Offshore-Konten liege, während Timoschenko lächerlich geringe Einkommenerklärungen abgebe.

          Firtasch hat sich im April heimlich mit dem Präsidentschaftskandidaten Poroschenko und dessen Unterstützer Vitali Klitschko getroffen. Gegen Timoschenko spricht er auch einen weiteren alten Vorwurf aus, den man in Kiew zuletzt wieder häufig hört. Sie sei eine Agentin des Kremls, sagt Firtasch. Timoschenko habe 2005 einen Deal mit Moskau gemacht, nachdem Russland sie mit internationalem Haftbefehl hatte suchen lassen wegen privater Schulden von 750 Millionen Dollar. Heute erzählt man sich, dass Timoschenko täglich mit Putin telefoniere und über die Zukunft der Ukraine berate. Diejenigen in Timoschenkos „Vaterlandspartei“, die ihr die Treue halten, sagen achselzuckend, dies seien die Folgen der Verleumdungskampagne, die Janukowitsch angezettelt habe. Eimerweise Dreck sei über der armen Julija ausgeschüttet worden. Auch Firtasch war einst ein großer Unterstützer Janukowitschs.

          Keine Sprache der Versöhnung gefunden

          Andererseits hat Timoschenko, die begnadete Rednerin, seit ihrer Freilassung fast nie den richtigen Ton getroffen. Ihr Auftritt im Rollstuhl auf die Bühne des Majdan unmittelbar nach der Haftentlassung Ende Februar wirkte dramatisch, aber auf viele auch anmaßend. Timoschenko präsentierte sich als Garantin für die Zukunft des Landes. Zwei Tage zuvor waren auf dem Majdan Dutzende Menschen erschossen worden, hatten ihr Leben im Kampf gegen das Regime gegeben. Und Timoschenko vermittelte nun den Eindruck, dass es mit ihr zu solchen Opfern gar nicht hätte kommen müssen. Im März kam ein Telefongespräch ans Licht, bei dem sie offenbar drohte, Putin – den sie als „Drecksack“ bezeichnete – mit einer Maschinenpistole in die Stirn zu schießen. Das war nach Putins Jubelfeier zur Annexion der Halbinsel Krim. Timoschenko behauptete anschließend, das Gespräch sei seine Montage. Doch der Schaden war entstanden. Und selbst bei ihren Auftritten – in Donezk oder Odessa – ist es ihr nicht gelungen, eine Sprache der Versöhnung zu finden, die das zerrissene Land zusammenhalten könnte.

          Es war absehbar, dass Timoschenko kaum Chancen haben würde, diese Präsidentenwahl zu gewinnen. Viele fragen sich, warum sie einen Deal mit Poroschenko abgelehnt hat und um jeden Preis noch einmal antreten wollte. Hat sie vielleicht doch einen geheimen Plan? Viele ihrer alten Verbündeten sind jedenfalls in das Lager des Schokoladenoligarchen übergewandert. Und nach der Wahl wird sich aller Voraussicht nach auch Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk von seiner Parteichefin distanzieren. Dass es Timoschenko sei, die in der Kiewer Interimsregierung die Fäden zieht, glauben immer weniger Menschen. Das behaupten inzwischen nur noch ihre Feinde.

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