https://www.faz.net/-gq5-7pkz6

Julija Timoschenko : Die Magie ist verschwunden

  • -Aktualisiert am

„Phänomen Timoschenko“: Die Anhänger hoffen auf eine Überraschung am Wahltag Bild: REUTERS

Julija Timoschenko hat schon viele Rollen im ukrainischen Machttheater gespielt. Jetzt will sie Präsidentin werden und meidet im Wahlkampf weitere aggressive Töne. Trotzdem misstrauen ihr viele.

          5 Min.

          Die alte Julija mit dem geflochtenen Haarkranz hat an diesem Wahlkampfnachmittag auch noch einen kurzen Gastauftritt. Ganz am Ende trägt eine aufgeregte Verehrerin ein gerahmtes Porträt in Öl auf die Bühne im Kongresszentrum des Kiewer Hotels „Präsident“. Das Bild zeigt Julija Timoschenko mit der folkloristischen Haartracht, die sie inzwischen nicht mehr so oft trägt. Der Hintergrund des Gemäldes leuchtet blau und gelb in den Farben der Ukraine. Die Präsidentschaftskandidatin nimmt es gerührt in Empfang und umarmt die Schenkende. Sie genießt den offenbar inszenierten Moment, die Reminiszenz an einen längst vergangenen Julija-Kult. Doch es gibt nur höflichen Applaus von den 450 Unternehmern, die auf Timoschenkos Einladung zu dem Wahlkampfforum gekommen sind. Beifallsstürme hat die Frau, sie seit einem Jahrzehnt die ukrainische Politik mitbestimmt und im gesamten Land nur Julija genannt wird, schon lange nicht mehr gehört.

          An diesem Sonntag will sich Timoschenko zur Präsidentin wählen lassen. Alle anderen Rollen, die im Machttheater der Ukraine zu besetzen sind, hat sie schon gespielt: Timoschenko war Unternehmerin, Revolutionsführerin, Regierungschefin, Oppositionelle und politische Gefangene. Nun ist die 53 Jahre alte Politikerin wieder einmal davon überzeugt, die Einzige zu sein, die das Land retten kann. Für diese Mission hat sie sich neu erfunden. Seit sie im Februar, nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch, aus der Haft entlassen wurde, zeigt sich die früher stets extravagant auftretende Timoschenko meist in einer schlichten weißen Bluse und auf flachen Schuhen. Sie hinkt noch immer ein wenig, eine Folge des Rückenleidens, das sie während der zweijährigen Gefangenschaft quälte. Die blonden langen Haare trägt sie neuerdings häufig zu einem einfachen Knoten im Nacken zusammengedreht.

          Die Politikveteranin wusste am Wahltag stets zu überraschen

          Timoschenko zeigt sich siegesgewiss, obwohl sie in den jüngsten Umfragen weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz hinter dem Oligarchen Petro Poroschenko liegt. Nur zehn Prozent der ukrainischen Wähler wollen sie demnach wieder an der Spitze des Landes sehen. Es ist fraglich, ob sie es überhaupt in eine Stichwahl schafft. Andererseits wusste die Politikveteranin am Wahltag bisher stets zu überraschen. Von diesem „Phänomen Timoschenko“ erzählen im politischen Kiew viele in diesen Tagen.

          Die Kampagne ist so schlicht wie die neue Kleiderordnung der Kandidatin: Auf Werbeplakate, Wahlkampfstände und den üblichen Trubel hat sie verzichtet. Es sei unanständig, in Zeiten des Krieges Geld aus dem Fenster zu werfen, heißt es aus ihrem Lager. Besser sei das Geld bei der Nationalgarde investiert, die im Osten an der Seite ukrainischer Soldaten gegen bewaffnete Separatisten kämpft. Ein Seitenhieb vor allem gegen den Schokoladenfabrikanten Poroschenko, der sich seinen Wahlkampf allem Augenschein nach einiges kosten ließ.

          Kampagne ganz auf den Kampf gegen die Oligarchie ausgerichtet

          An diesem Nachmittag hat Timoschenko den Mittelstand eingeladen, jene Gruppe, die unter Korruption, Bürokratie und den Monopolen der Oligarchen am meisten zu leiden hat. Es sei ihr eine Ehre, vor Vertretern kleiner und mittelständischer Unternehmen aufzutreten, sagt sie. Timoschenko umklammert mit beiden Händen fest das Sprecherpult. „Sie alle hier sind unsere Stärke“, sagt sie, „die Grundlage der Demokratie.“ Timoschenkos Kampagne ist ganz auf den Kampf gegen die Oligarchie ausgerichtet, aber die Kandidatin selbst meidet aggressive Töne. Meistens.

          Bei dem dreistündigen Forum im Hotel „Präsident“ hat sie stattdessen eine Handvoll Fürsprecher gebeten, in ihrem Namen gegen die diversen Missstände zu wettern. Einem Unternehmer aus Odessa fällt die Aufgabe zu, die Oligarchen zu verdammen. „Die Oligarchie hat die Wirtschaft in die Knie gezwungen“, klagt er. Und nun finanziere sie auch noch die Separatisten. Das war ein Hieb gegen Rinat Achmetow, den Hausherrn im Donbass. Ihm sagen viele nach, er habe einigen Separatisten Geld gegeben. Inzwischen allerdings lässt Achmetow seine Arbeiter gegen die „Banditen“ protestieren.

          Weitere Themen

          Ausgangssperre in Washington verhängt

          Proteste vor Weißem Haus : Ausgangssperre in Washington verhängt

          Die Anti-Rassismus-Proteste in den Vereinigten Staaten gingen auch diese Nacht weiter, in fast 40 amerikanischen Städten gilt eine Ausgangssperre. Während Präsident Trump zu härterem Durchgreifen auffordert, will sein demokratischer Herausforderer Biden zuhören.

          Topmeldungen

          Noch ist der Rote Platz in Moskau menschenleer, doch ab Juni will die russische Regierung die Corona-Restriktionen lockern.

          Trotz hoher Corona-Zahlen : Russland beginnt mit größeren Lockerungen

          Seit mehr als zwei Monaten gibt es in Moskau – Europas größter Stadt – strenge Ausgangssperren. Obwohl die Corona-Zahlen weiter viel stärker steigen als etwa in Deutschland, dürfen die Menschen zumindest zeitweise auf die Straße gehen, Läden sollen öffnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.