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Julija Timoschenko : Die Magie ist verschwunden

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Timoschenkos kleine Inszenierung wirkt gelungen, doch die Mehrzahl der Menschen im Land vertrauen ihr nicht mehr. Schon während sie wegen Amtsmissbrauchs in Haft saß, hat ihr Schicksal immer weniger Menschen interessiert. Zu den kleinen Zelten in Zentrum von Kiew, wo Anhänger für ihre Freilassung demonstrierten, kamen meist nur ein paar ältere Leute. Die meisten Ukrainer sehen in Timoschenko kein Opfer Janukowitschs, sondern eine Nutznießerin des Systems, eine, die das Machtspiel mitgespielt – und am Ende eben verloren hat.

Dmitro Firtasch spricht böse Gerüchte offen aus

Timoschenkos Intimfeind, der Oligarch Dmitro Firtasch, der, nachdem Amerika ein Haftbefehl gegen ihn erließ, wegen Bestechung in Wien festsitzt, spricht die bösen Gerüchte offen aus. Die Politikerin simuliere ihre Krankheit nur, behauptet er, weil sie auf den Märtyrerstatus hoffe. Timoschenko tue auch nur so, als ob sie arm sei, sagte Firtasch diese Woche im Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“. In Wirklichkeit habe sie massenhaft Geld verdient mit Gasgeschäften auf dem Rücken der Ukraine. Geld, das nun auf Offshore-Konten liege, während Timoschenko lächerlich geringe Einkommenerklärungen abgebe.

Firtasch hat sich im April heimlich mit dem Präsidentschaftskandidaten Poroschenko und dessen Unterstützer Vitali Klitschko getroffen. Gegen Timoschenko spricht er auch einen weiteren alten Vorwurf aus, den man in Kiew zuletzt wieder häufig hört. Sie sei eine Agentin des Kremls, sagt Firtasch. Timoschenko habe 2005 einen Deal mit Moskau gemacht, nachdem Russland sie mit internationalem Haftbefehl hatte suchen lassen wegen privater Schulden von 750 Millionen Dollar. Heute erzählt man sich, dass Timoschenko täglich mit Putin telefoniere und über die Zukunft der Ukraine berate. Diejenigen in Timoschenkos „Vaterlandspartei“, die ihr die Treue halten, sagen achselzuckend, dies seien die Folgen der Verleumdungskampagne, die Janukowitsch angezettelt habe. Eimerweise Dreck sei über der armen Julija ausgeschüttet worden. Auch Firtasch war einst ein großer Unterstützer Janukowitschs.

Keine Sprache der Versöhnung gefunden

Andererseits hat Timoschenko, die begnadete Rednerin, seit ihrer Freilassung fast nie den richtigen Ton getroffen. Ihr Auftritt im Rollstuhl auf die Bühne des Majdan unmittelbar nach der Haftentlassung Ende Februar wirkte dramatisch, aber auf viele auch anmaßend. Timoschenko präsentierte sich als Garantin für die Zukunft des Landes. Zwei Tage zuvor waren auf dem Majdan Dutzende Menschen erschossen worden, hatten ihr Leben im Kampf gegen das Regime gegeben. Und Timoschenko vermittelte nun den Eindruck, dass es mit ihr zu solchen Opfern gar nicht hätte kommen müssen. Im März kam ein Telefongespräch ans Licht, bei dem sie offenbar drohte, Putin – den sie als „Drecksack“ bezeichnete – mit einer Maschinenpistole in die Stirn zu schießen. Das war nach Putins Jubelfeier zur Annexion der Halbinsel Krim. Timoschenko behauptete anschließend, das Gespräch sei seine Montage. Doch der Schaden war entstanden. Und selbst bei ihren Auftritten – in Donezk oder Odessa – ist es ihr nicht gelungen, eine Sprache der Versöhnung zu finden, die das zerrissene Land zusammenhalten könnte.

Es war absehbar, dass Timoschenko kaum Chancen haben würde, diese Präsidentenwahl zu gewinnen. Viele fragen sich, warum sie einen Deal mit Poroschenko abgelehnt hat und um jeden Preis noch einmal antreten wollte. Hat sie vielleicht doch einen geheimen Plan? Viele ihrer alten Verbündeten sind jedenfalls in das Lager des Schokoladenoligarchen übergewandert. Und nach der Wahl wird sich aller Voraussicht nach auch Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk von seiner Parteichefin distanzieren. Dass es Timoschenko sei, die in der Kiewer Interimsregierung die Fäden zieht, glauben immer weniger Menschen. Das behaupten inzwischen nur noch ihre Feinde.

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