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Ukraine : Janukowitschs willige und weniger willige Helfer

Schlägerbanden in Zivil

Bei einer „antiterroristischen Aktion“, wie sie der Leiter des Staatssicherheitsdienstes SBU am Mittwoch angekündigt hatte, hätte dieser eine Schlüsselrolle. Beim SBU ist das Anti-Terror-Zentrum angesiedelt, das in diesem Fall die Operationen aller beteiligten Sicherheitskräfte koordiniert. Auch das Ultimatum vor dem Sturm auf den Majdan am Dienstagabend war vom SBU verkündet worden. Der Geheimdienst verfügt ebenfalls über eigene bewaffnete Einheiten, über deren Stärke aber keine Informationen vorliegen. Der Geheimdienst ist für den ersten Toten in der Westukraine verantwortlich: Als in Chmelnizkij am Mittwoch eine Menschenmenge versuchte, die örtliche SBU-Zentrale zu stürmen, wurde aus dem Gebäude heraus das Feuer eröffnet. Dabei wurde wenigstens eine Person getötet, mehrere wurden schwer verletzt. Inwiefern der SBU in Teilen der Westukraine noch handlungsfähig ist, ist unklar: In Lemberg und Iwano-Frankiwsk wurden seine Gebäude erstürmt, im Transkarpaten-Bezirk erklärte am Donnerstag auch der örtliche SBU-Chef, dass er auf Seiten des Volkes stehe, und in Tscherkassy wurde beobachtet, wie SBU-Bedienstete Dokumente verbrannten.

Neben regulären Sicherheitskräften greifen immer wieder sogenannte Tituschki Demonstranten und Journalisten an: Oft mehrere hundert Mann starke Schlägerbanden in Zivilkleidung, die vermutlich aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität rekrutiert werden. Von Tituschki wurden im Januar in der Zentralukraine unter den Augen der Sicherheitskräfte Demonstrationen brutal aufgelöst. In Kiew griffen die Tituschki in den vergangenen Monaten immer wieder gezielt Aktivisten und Journalisten an, die auf dem Weg zum oder vom Majdan waren. Wer genau hinter den Tituschki steht, wer sie organisiert und bezahlt, ist nicht klar. In offiziellen Stellungnahmen kommen sie nicht vor. Waren sie anfangs meist nur mit Knüppeln und Baseball-Schlägern bewaffnet, wird seit einigen Tagen immer öfter über Tituschki mit Schusswaffen berichtet.

Neu ist das Phänomen nicht – „Männer von sportlicher Körpergestalt“, wie sie oft umschrieben werden, tauchten schon in der Zeit vor Janukowitsch als Provokateure bei Demonstrationen auf. Seit er Präsident ist, sind sie allerdings kein vereinzeltes Phänomen mehr. So haben sie nach der Parlamentswahl 2012 in vielen Wahlkreisen die Stimmauszählung sabotiert, in denen Oppositionskandidaten in Führung lagen. Neu ist allerdings die Bezeichnung: Sie leitet sich vom Familiennamen eines jungen Mannes ab, der dingfest gemacht wurde, nachdem er im Juni vor laufenden Kameras oppositionelle Journalisten verprügelt hatte. Der Namensgeber ist allerdings nicht mehr unter den Tituschki: Er steht inzwischen auf Seiten der Opposition und sagt, er sei irregeleitet gewesen.

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