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Ukraine : Gegen die Moskalen

Bild: F.A.Z., Lina Schuller

In der Westukraine, wo der Kampf gegen die russische Vormacht Generationen geprägt hat, streiten heute alle gegen den Ostkurs der Regierung Janukowitsch.

          5 Min.

          Schnee auf waldigen Hügeln, Gebell in der Ferne. Das Dörfchen Stilsko in der Westukraine, in der Landschaft Galizien. Ein Kirchlein, ein paar Bauernhäuser an den Hängen, nicht viel mehr. Die Hauptstadt Kiew mit ihrem Majdan, ihrem Tumult und ihren überkippenden Emotionen liegt 500 Kilometer weiter östlich. Stille und Rauch auf den Schornsteinen. Am Kamin ein alter Mann und eine alte Frau. Wasil Titko, 73 Jahre alt, kräftig, mit kurz gestutztem schneeweißem Schnurrbart, hat innegehalten. „Meine Großmutter betete gerade ...“. Diesen Satzanfang hat er noch herausgebracht, dann zuckt es um seine Augen, er kann nicht weiter, er bedeckt das Gesicht mit der Hand.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er war acht Jahre alt, als es geschah. Galizien und die übrigen historischen Regionen der Westukraine hatte über Jahrhunderte mal zur zu Habsburgischen Monarchie gehört, mal zu Polen, aber im Zweiten Weltkrieg hatte die Sowjetunion hier mit unausdenklicher Brutalität ihre Macht aufgerichtet. Die Landschaft wehrte sich, die Partisanen der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ UPA kämpften verzweifelt (und manchmal mit großer Brutalität) gegen alle diese Fremden im Land, gegen die Wehrmacht, gegen die Rote Armee, gegen die polnische Heimatarmee im Untergrund, und sie kämpften noch weiter, als das Dritte Reich längst kapituliert hatte und der sowjetische Geheimdienst NKWD noch bis in die Fünfziger Jahre zu tun hatte, die letzten Männer in den Wäldern zu stellen und zu liquidieren.

          Der Augenblick, der Wasil Titko jetzt so beklemmend vor Augen steht, muss 1949 gewesen sein. Sowjetische Einheiten haben sich daran gemacht, die letzten Widerstandsnester auszuheben, nicht nur die Kämpfer selbst, sondern auch die Dörfer, die Landstriche, die ihnen Unterschlupf bieten. Der Befehl lautet Deportation nach Sibirien. „Die Oma betete gerade“ Wasil Titko erzählt er weiter: „Die kamen am frühen Morgen. Sie haben unseren Hund aufgehängt, sie haben die Fenster eingeschlagen, und dann kamen sie rein.“ Kurz darauf war die ganze Familie in eiskalten Pritschenwagen unterwegs in den Osten des Sowjetreichs, in das Gebiet Krasnojarsk am Ural. Erst Ende der fünfziger Jahre konnten sie wieder zurück – heim nach Stilsko.

          Das Trauma sitzt tief

          Während Wasil erzählt, hat die alte Frau neben ihm, eine zerfurchte Greisin in Kopftuch, rosa Puschelschuhen und Kittelschürze am Kamin gesessen und ab und zu genickt. Es ist Anastasija Titko, seine neunundneunzig Jahre alte Mutter. Sie weiß, was Angst vor den Russen heißt. Drei der Brüder ihres Mannes sind damals, als der NKWD wütete und Moskau seine Macht für Jahrzehnte betonierte, als Partisanen erschossen worden. Anastasija hört nicht mehr gut, deshalb wirken ihre Worte manchmal ein wenig verzögert, aber manchmal fällt sie blitzschnell ein, wenn die Erzählung ihres Sohnes ein Bild in ihr wachruft. Als Wasil von den Russen erzählt, die morgens eindrangen, ist sie plötzlich hellwach: „Sie hielten Gewehre. So.“ Hand und Zeigefinger der alten Frau werden für eine Sekunde zum Lauf einer Kalaschnikow.

          Das Trauma sitzt tief in diesen alten Landschaften, in Galizien, in Wolhynien, oder auch in der von polnischer Renaissance und österreichischem Jugendstil geprägten westukrainischen Metropole Lemberg (Lwiw). Mit den Russen, oder, wie man sagt, den „Moskalen“, werden hier die Kinder erschreckt, und seit Präsident Viktor Janukowitsch im November den über Jahre verfolgten Kurs der europäischen Integration aufgegeben hat, um stattdessen im Dezember ein Bündel von Kooperations- und Kreditverträgen mit der alten imperialen Vormacht Russland zu schnüren, ist nicht nur Kiew im Aufruhr. Auch in den verschneiten Hügeln von Stilsko wogt die Empörung hoch.

          Heim des Widerstands: Das Haus der Familie von Anastasija Titko (am Kamin) im Dorf westukrainischen Ort Stilsko
          Heim des Widerstands: Das Haus der Familie von Anastasija Titko (am Kamin) im Dorf westukrainischen Ort Stilsko : Bild: Alexander Teschinski

          Neuerdings ist diese Gegend sogar so etwas wie das Zentrum der Erhebung. Nachdem die Proteste der pro-europäischen Opposition gegen Janukowitsch sich zunächst vor allem auf die Hauptstadt beschränkt hatten, haben sie sich in der letzten Woche tief ins Land hinein ausgeweitet, und vor allem die Westukraine ist kaum mehr wiederzuerkennen. In allen neun Gebieten (Oblasten) dieser Region haben nach Angaben der Opposition vom Montag Abend Demonstranten die Gouverneurssitze besetzt, in zweien von ihnen hat Janukowitschs „Partei der Regionen“ sich (offenbar wegen des kompletten Vertrauensverlusts, den sie hier erlitten hat) selbst aufgelöst. In drei dieser Oblaste haben sich die Regionalparlamente von der Regierung losgesagt und der Führung der Opposition ihre Gefolgschaft versichert. Auf der Landkarte der Ukraine ist damit schemenhaft eine alte Grenze wieder aufgetaucht, die es seit 1939 nicht mehr gibt, die Grenze zwischen dem alten Vorkriegspolen (und früher der Monarchie der Habsburger) sowie dem russischen Reich.

          Lemberg, vierzig Kilometer weiter nördlich. Vor der ausgedehnten Kaserne der „Militäreinheit 4114“ haben sie Barrikaden aufgetürmt. Autoreifen zum Anzünden bereit, Militärzelte, glühende Eisentonnen zum Wärmen. Die Kämpfer der Revolution stehen auf Holzpaletten, um sich vor der Kälte des schneebedeckten Bodens zu schützen. Hier sind paramilitärische Einheiten des Innenministeriums stationiert – Truppenteile also, die jederzeit gegen die Opposition eingesetzt werden könnten. Draußen auf den Barrikaden erzählt man sich, die Sache habe damit angefangen, dass einer der Soldaten seine Mutter angerufen habe: „Die wollen uns nach Kiew schicken, blockiert uns bitte!“

          An den aufgetürmten Autoreifen Jarko und Andrij – blutjunge Männer, dicke Pudelmützen in der Kälte, gerade keine Kinder mehr. Seit zwei Monaten, genauer gesagt, seit dem 21. November, dem allerersten Tag der Proteste, sind sie fast ununterbrochen dabei gewesen. Als an diesem Tag, als die Regierung ihre Abkehr von Europa verkündete, die ersten Facebook-Seiten zum Massenprotest auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz aufriefen, haben sie sich ohne Zögern mit ein paar Freunden zusammengetan, sich ins Auto gesetzt, und sind noch in derselben Nacht am Majdan angekommen. Danach sind sie tagelang durch die Kiewer Universitäten gezogen, um zu mobilisieren, sie haben tagsüber agitiert und abends demonstriert. Jetzt sind sie wieder daheim in Lemberg und blockieren diese Kaserne. Jarko und Andrij sind die Urenkel von Anastasija Titko, Enkel ihres Sohnes Wasil.

          „Auf die Familie - auf Europa!“

          Und die mittlere Generation? Roman, Wasils Sohn, der Vater der beiden Jungs, ist Mitte vierzig. Eigentlich könnte er zufrieden sein. Er handelt nicht ohne Erfolg mit deutscher Agrarausrüstung, sein schönes Lemberger Haus weist Wohlstand aus, wenn nicht Reichtum – und trotzdem gehört er als mittelständischer Unternehmer zu der sozialen Gruppe, die anders als die großen Oligarchen unter der grassierenden Korruption im Lande besonders ächzen. Seit Janukowitsch wieder das Land führt, ist für diese Schicht keine Bauplanung, keine Finanzprüfung mehr ohne Obolus an den bearbeitenden Amtschef denkbar. „Eigentlich“, sagt Romans Cousin Pawlo, auch er ein Enkel der alten Anastasija, „hat er alles, was er braucht. Nur keine geltenden Spielregeln.“ Roman und seine Frau Nadja, die mittlere Generation dieser großen Familie, haben nicht lange tatenlos zugesehen, als ihre Jungs plötzlich begannen, immer nur noch nach Kiew zu fahren. Sie hatten ja ihre eigene Geschichte. Nadja hatte in den neunziger Jahren, noch zu sowjetischer Zeit, die „Granitene Revolution“ unterstützt, eine der frühen Bewegungen für eine eigene ukrainische Staatlichkeit, und was Roman betrifft, so war er bei der „Revolution in Orange“ von 2004, als es den demonstrierenden Bürgern am Kiewer Majdan schon einmal gelang, Janukowitsch (nach einer gefälschten Präsidentenwahl) von der Macht zu verdrängen, fast ununterbrochen dabei gewesen.

          So folgten die Alten den Spuren der Jungen. Anfangs half Roman mit ein paar Tonnen Wasser für die Suppenküchen des Majdan, dann aber hielt es ihn nicht länger. „Wir können nicht einfach dableiben, wenn es unseren Kindern so wichtig ist, dass alle nach Kiew fahren“, sagte er zu Nadja, und ihr Beschluss kam auch dann nicht ins Wanken, als in der vergangenen Woche auf den Straßen von Kiew die ersten drei Demonstranten, blutjunge Kerle wie ihre Jungs, von Heckenschützen erschossen wurden. So fuhren sie also, und heute, wo die Jungs daheim im Einsatz sind, an dieser Kaserne in Lemberg, schauen sie am Nachmittag kurz vorbei.

          Draußen in Stilsko, in der verschneiten Stille, sitzen sie jetzt alle um den gedeckten Tisch. Rohkost, selbstgemachte Salzgurken, Würste, dazu Wareniki, die ukrainischen Teigtaschen mit Kartoffelfüllung und scharf gerösteten Zwiebelchen – nichts fehlt. Sie haben zusammen gesungen (einige Glieder dieser weitverzweigten Familie haben in den Kirchenchören von Lemberg und Stilsko kräftige Bässe und Altstimmen entwickelt), mal Besinnliches, mal Deftiges, und dann hat die alte Anastasija mit ihrer brüchigen Kopfsopran sogar ein Solo zum Besten gegeben, ein altes Kampflied der Partisanen aus der Zeit, als sie noch jung war, und es gegen die Russen ging: „Hei wir ziehn, wir ziehn, wir ziehn, wir ziehn, die Fahne des Sieges sehn wir wehen.“ Zum Takt hat sie die Krücke geschwungen, wie die Soldaten damals die Kalaschnikow.

          Zum Ende hat es dann noch Trinksprüche gegeben, selbstverständlich dargebracht mit einer Samogonka dem gefürchteten Selbstgebrannten der ukrainischen Dörfer. „Auf die Familie!“ „Auf bessere Zeiten!“ und zuletzt auch – „Sa Jewropu!“. „Auf Europa!“

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