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Ukraine : Gegen die Moskalen

Bild: F.A.Z., Lina Schuller

In der Westukraine, wo der Kampf gegen die russische Vormacht Generationen geprägt hat, streiten heute alle gegen den Ostkurs der Regierung Janukowitsch.

          Schnee auf waldigen Hügeln, Gebell in der Ferne. Das Dörfchen Stilsko in der Westukraine, in der Landschaft Galizien. Ein Kirchlein, ein paar Bauernhäuser an den Hängen, nicht viel mehr. Die Hauptstadt Kiew mit ihrem Majdan, ihrem Tumult und ihren überkippenden Emotionen liegt 500 Kilometer weiter östlich. Stille und Rauch auf den Schornsteinen. Am Kamin ein alter Mann und eine alte Frau. Wasil Titko, 73 Jahre alt, kräftig, mit kurz gestutztem schneeweißem Schnurrbart, hat innegehalten. „Meine Großmutter betete gerade ...“. Diesen Satzanfang hat er noch herausgebracht, dann zuckt es um seine Augen, er kann nicht weiter, er bedeckt das Gesicht mit der Hand.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er war acht Jahre alt, als es geschah. Galizien und die übrigen historischen Regionen der Westukraine hatte über Jahrhunderte mal zur zu Habsburgischen Monarchie gehört, mal zu Polen, aber im Zweiten Weltkrieg hatte die Sowjetunion hier mit unausdenklicher Brutalität ihre Macht aufgerichtet. Die Landschaft wehrte sich, die Partisanen der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ UPA kämpften verzweifelt (und manchmal mit großer Brutalität) gegen alle diese Fremden im Land, gegen die Wehrmacht, gegen die Rote Armee, gegen die polnische Heimatarmee im Untergrund, und sie kämpften noch weiter, als das Dritte Reich längst kapituliert hatte und der sowjetische Geheimdienst NKWD noch bis in die Fünfziger Jahre zu tun hatte, die letzten Männer in den Wäldern zu stellen und zu liquidieren.

          Der Augenblick, der Wasil Titko jetzt so beklemmend vor Augen steht, muss 1949 gewesen sein. Sowjetische Einheiten haben sich daran gemacht, die letzten Widerstandsnester auszuheben, nicht nur die Kämpfer selbst, sondern auch die Dörfer, die Landstriche, die ihnen Unterschlupf bieten. Der Befehl lautet Deportation nach Sibirien. „Die Oma betete gerade“ Wasil Titko erzählt er weiter: „Die kamen am frühen Morgen. Sie haben unseren Hund aufgehängt, sie haben die Fenster eingeschlagen, und dann kamen sie rein.“ Kurz darauf war die ganze Familie in eiskalten Pritschenwagen unterwegs in den Osten des Sowjetreichs, in das Gebiet Krasnojarsk am Ural. Erst Ende der fünfziger Jahre konnten sie wieder zurück – heim nach Stilsko.

          Das Trauma sitzt tief

          Während Wasil erzählt, hat die alte Frau neben ihm, eine zerfurchte Greisin in Kopftuch, rosa Puschelschuhen und Kittelschürze am Kamin gesessen und ab und zu genickt. Es ist Anastasija Titko, seine neunundneunzig Jahre alte Mutter. Sie weiß, was Angst vor den Russen heißt. Drei der Brüder ihres Mannes sind damals, als der NKWD wütete und Moskau seine Macht für Jahrzehnte betonierte, als Partisanen erschossen worden. Anastasija hört nicht mehr gut, deshalb wirken ihre Worte manchmal ein wenig verzögert, aber manchmal fällt sie blitzschnell ein, wenn die Erzählung ihres Sohnes ein Bild in ihr wachruft. Als Wasil von den Russen erzählt, die morgens eindrangen, ist sie plötzlich hellwach: „Sie hielten Gewehre. So.“ Hand und Zeigefinger der alten Frau werden für eine Sekunde zum Lauf einer Kalaschnikow.

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