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Ukraine : Gegen die Moskalen

„Auf die Familie - auf Europa!“

Und die mittlere Generation? Roman, Wasils Sohn, der Vater der beiden Jungs, ist Mitte vierzig. Eigentlich könnte er zufrieden sein. Er handelt nicht ohne Erfolg mit deutscher Agrarausrüstung, sein schönes Lemberger Haus weist Wohlstand aus, wenn nicht Reichtum – und trotzdem gehört er als mittelständischer Unternehmer zu der sozialen Gruppe, die anders als die großen Oligarchen unter der grassierenden Korruption im Lande besonders ächzen. Seit Janukowitsch wieder das Land führt, ist für diese Schicht keine Bauplanung, keine Finanzprüfung mehr ohne Obolus an den bearbeitenden Amtschef denkbar. „Eigentlich“, sagt Romans Cousin Pawlo, auch er ein Enkel der alten Anastasija, „hat er alles, was er braucht. Nur keine geltenden Spielregeln.“ Roman und seine Frau Nadja, die mittlere Generation dieser großen Familie, haben nicht lange tatenlos zugesehen, als ihre Jungs plötzlich begannen, immer nur noch nach Kiew zu fahren. Sie hatten ja ihre eigene Geschichte. Nadja hatte in den neunziger Jahren, noch zu sowjetischer Zeit, die „Granitene Revolution“ unterstützt, eine der frühen Bewegungen für eine eigene ukrainische Staatlichkeit, und was Roman betrifft, so war er bei der „Revolution in Orange“ von 2004, als es den demonstrierenden Bürgern am Kiewer Majdan schon einmal gelang, Janukowitsch (nach einer gefälschten Präsidentenwahl) von der Macht zu verdrängen, fast ununterbrochen dabei gewesen.

So folgten die Alten den Spuren der Jungen. Anfangs half Roman mit ein paar Tonnen Wasser für die Suppenküchen des Majdan, dann aber hielt es ihn nicht länger. „Wir können nicht einfach dableiben, wenn es unseren Kindern so wichtig ist, dass alle nach Kiew fahren“, sagte er zu Nadja, und ihr Beschluss kam auch dann nicht ins Wanken, als in der vergangenen Woche auf den Straßen von Kiew die ersten drei Demonstranten, blutjunge Kerle wie ihre Jungs, von Heckenschützen erschossen wurden. So fuhren sie also, und heute, wo die Jungs daheim im Einsatz sind, an dieser Kaserne in Lemberg, schauen sie am Nachmittag kurz vorbei.

Draußen in Stilsko, in der verschneiten Stille, sitzen sie jetzt alle um den gedeckten Tisch. Rohkost, selbstgemachte Salzgurken, Würste, dazu Wareniki, die ukrainischen Teigtaschen mit Kartoffelfüllung und scharf gerösteten Zwiebelchen – nichts fehlt. Sie haben zusammen gesungen (einige Glieder dieser weitverzweigten Familie haben in den Kirchenchören von Lemberg und Stilsko kräftige Bässe und Altstimmen entwickelt), mal Besinnliches, mal Deftiges, und dann hat die alte Anastasija mit ihrer brüchigen Kopfsopran sogar ein Solo zum Besten gegeben, ein altes Kampflied der Partisanen aus der Zeit, als sie noch jung war, und es gegen die Russen ging: „Hei wir ziehn, wir ziehn, wir ziehn, wir ziehn, die Fahne des Sieges sehn wir wehen.“ Zum Takt hat sie die Krücke geschwungen, wie die Soldaten damals die Kalaschnikow.

Zum Ende hat es dann noch Trinksprüche gegeben, selbstverständlich dargebracht mit einer Samogonka dem gefürchteten Selbstgebrannten der ukrainischen Dörfer. „Auf die Familie!“ „Auf bessere Zeiten!“ und zuletzt auch – „Sa Jewropu!“. „Auf Europa!“

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