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Ukraine : Gegen die Moskalen

Das Trauma sitzt tief in diesen alten Landschaften, in Galizien, in Wolhynien, oder auch in der von polnischer Renaissance und österreichischem Jugendstil geprägten westukrainischen Metropole Lemberg (Lwiw). Mit den Russen, oder, wie man sagt, den „Moskalen“, werden hier die Kinder erschreckt, und seit Präsident Viktor Janukowitsch im November den über Jahre verfolgten Kurs der europäischen Integration aufgegeben hat, um stattdessen im Dezember ein Bündel von Kooperations- und Kreditverträgen mit der alten imperialen Vormacht Russland zu schnüren, ist nicht nur Kiew im Aufruhr. Auch in den verschneiten Hügeln von Stilsko wogt die Empörung hoch.

Heim des Widerstands: Das Haus der Familie von Anastasija Titko (am Kamin) im Dorf westukrainischen Ort Stilsko
Heim des Widerstands: Das Haus der Familie von Anastasija Titko (am Kamin) im Dorf westukrainischen Ort Stilsko : Bild: Alexander Teschinski

Neuerdings ist diese Gegend sogar so etwas wie das Zentrum der Erhebung. Nachdem die Proteste der pro-europäischen Opposition gegen Janukowitsch sich zunächst vor allem auf die Hauptstadt beschränkt hatten, haben sie sich in der letzten Woche tief ins Land hinein ausgeweitet, und vor allem die Westukraine ist kaum mehr wiederzuerkennen. In allen neun Gebieten (Oblasten) dieser Region haben nach Angaben der Opposition vom Montag Abend Demonstranten die Gouverneurssitze besetzt, in zweien von ihnen hat Janukowitschs „Partei der Regionen“ sich (offenbar wegen des kompletten Vertrauensverlusts, den sie hier erlitten hat) selbst aufgelöst. In drei dieser Oblaste haben sich die Regionalparlamente von der Regierung losgesagt und der Führung der Opposition ihre Gefolgschaft versichert. Auf der Landkarte der Ukraine ist damit schemenhaft eine alte Grenze wieder aufgetaucht, die es seit 1939 nicht mehr gibt, die Grenze zwischen dem alten Vorkriegspolen (und früher der Monarchie der Habsburger) sowie dem russischen Reich.

Lemberg, vierzig Kilometer weiter nördlich. Vor der ausgedehnten Kaserne der „Militäreinheit 4114“ haben sie Barrikaden aufgetürmt. Autoreifen zum Anzünden bereit, Militärzelte, glühende Eisentonnen zum Wärmen. Die Kämpfer der Revolution stehen auf Holzpaletten, um sich vor der Kälte des schneebedeckten Bodens zu schützen. Hier sind paramilitärische Einheiten des Innenministeriums stationiert – Truppenteile also, die jederzeit gegen die Opposition eingesetzt werden könnten. Draußen auf den Barrikaden erzählt man sich, die Sache habe damit angefangen, dass einer der Soldaten seine Mutter angerufen habe: „Die wollen uns nach Kiew schicken, blockiert uns bitte!“

An den aufgetürmten Autoreifen Jarko und Andrij – blutjunge Männer, dicke Pudelmützen in der Kälte, gerade keine Kinder mehr. Seit zwei Monaten, genauer gesagt, seit dem 21. November, dem allerersten Tag der Proteste, sind sie fast ununterbrochen dabei gewesen. Als an diesem Tag, als die Regierung ihre Abkehr von Europa verkündete, die ersten Facebook-Seiten zum Massenprotest auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz aufriefen, haben sie sich ohne Zögern mit ein paar Freunden zusammengetan, sich ins Auto gesetzt, und sind noch in derselben Nacht am Majdan angekommen. Danach sind sie tagelang durch die Kiewer Universitäten gezogen, um zu mobilisieren, sie haben tagsüber agitiert und abends demonstriert. Jetzt sind sie wieder daheim in Lemberg und blockieren diese Kaserne. Jarko und Andrij sind die Urenkel von Anastasija Titko, Enkel ihres Sohnes Wasil.

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