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Ukraine : Die Nacht, die den Protest veränderte

Spuren der Zerstörung: Ausgebrannte Militärfahrzeuge am Montag in Kiew Bild: Yulia Serdyukova

Der Charakter der ukrainischen Proteste ist nicht mehr derselbe wie noch im Dezember: Kiew hat eine Nacht der Gewalt hinter sich. Der Gewaltausbruch zeigt den Kontrollverlust der Oppositionsführer.

          Die erste Veränderung betrifft das Aroma. Den „Majdan“, das verbarrikadierte Revolutionsdorf am Kiewer Unabhängigkeitsplatz, konnte man bisher selbst mit geschlossenen Augen erkennen. Aus den Kanonenöfen in den Militärzelten und aus den glühenden Eisentonnen, wo sich nachts die Wachtrupps der Barrikaden wärmen, ist in den vergangenen zwei Monaten stets ein ganz bestimmter Geruch aufgestiegen: Tee und Holzrauch mit einer Beimischung von Gulasch. So war das zwei Monate lang.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Montagmorgen dann plötzlich eine neue Note: Scharf und chemisch. Es weht die Gruschewski-Straße herunter, mal in Schwaden, mal in Schleiern und mischt sich in den Lagerfeuerdunst. Verbranntes Gummi, manchmal eine stechender Oberton in der Stirnhöhle: Tränengas. Kiew hat eine Nacht der Gewalt hinter sich. Nachdem die europäisch orientierte Opposition gegen die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch zwei Monate lang friedlich demonstriert hatte, ist die Gewalt nun zum ersten Mal und in großem Umfang von den Demonstranten ausgegangen.

          Das Kiewer Regierungsviertel glich einem Schlachtfeld

          Zwar hatte es zuvor schon Vorfälle gegeben, etwa am 1. Dezember, als eine Vermummte die Polizei vor dem Präsidentenpalast angriff, aber der Angriff an jenem Tag war kurz gewesen. Diesmal war es anders. Eine große Gruppe von Demonstranten löste sich am Sonntag Nachmittag von den übrigen Protestierenden am Unabhängigkeitsplatz. Während der „Majdan“ ruhig blieb, zogen die Randalierer über die Gruschewski-Straße direkt auf die starken Polizeisperren zu, welche dort die Gebäude des Ministerkabinetts und des Parlaments sichern.

          Das Ergebnis am Montagmorgen: Das Kiewer Regierungsviertel glich im wörtlichen Sinne einem Schlachtfeld. Die Fahrbahn vor den Regierungsgebäuden war durch sieben oder acht quer über die Straße liegende ausgebrannte Polizeibusse unpassierbar (von hier stammte der Gummigeruch), und über die Busse hinweg wurde den ganzen Tag über auf kleiner Flamme weitergekämpft. Nach Angaben des Innenministeriums hat es allein auf Seiten der Polizei 70 Verletzte gegeben.

          „Das waren unsere Leute“

          Demonstranten (und übrigens auch Demonstrantinnen) trugen die mächtigen Pflastersteine der Gruschewski-Straße zusammen, zerschlugen sie mit Vorschlaghämmern in handliche Teile und warfen alle paar Sekunden einen Brocken über die qualmenden Buswracks Busse zu den Polizeikordons. Die Beamten auf der anderen Seite, in Schildkrötenformation hinter ihren Schilden, antworteten nur sporadisch mit einzelnen Tränengasgranaten oder Gummigeschossen – vor allem dann, wenn ein Demonstrant, was immer wieder vorkam, einmal statt eines Steins einen Molotowcocktail hinüber schleuderte.

          Der Charakter der ukrainischen Proteste ist nicht mehr derselbe wie noch im Dezember. Demonstranten haben in großem Stil Gewalt ausgeübt, und selbst in den Reihen der Regimegegner sagt niemand mehr, die Täter seien allesamt nur bezahlte Provokateure des Regimes gewesen. Abgeordnete der Oppositionspartei „Batkiwschtschina“ haben es am Montag unumwunden zugegeben: „Das waren unsere Leute“. Innerhalb des großen und von Anfang an kaum kontrollierbaren Spektrums dieser „Revolution von unten“ gebe es eben mittlerweile Strömungen, die nach zwei Monaten ergebnislosen friedlichen Kampfes mit ihrer Geduld am Ende seien.

          Tiefe Kluft: Friedliche Demonstranten diskutieren mit Gewalttätern

          Dazu gehöre der „Rechte Sektor“, eine über das Internet organisierte nationalistische Splittergruppe, aber auch ein Teil der Zivilgesellschaftlichen Szene wie der sogenannte „Automajdan“ oder die „Ultras“ des FC Dynamo Kiew. Diese Gruppen stellen zwar bei weitem nicht die Mehrheit der 100.000 Demonstranten, die sich am Sonntag vor dem Ausbruch der Gewalt auf dem „Majdan“ versammelt hatten, aber sie sind offenbar unkontrollierbar. Der Zuspruch, den sie genießen, nährt sich zum Teil auch aus einer wachsenden Unzufriedenheit mit den politischen Köpfen der Revolte, dem Boxweltmeister Vitali Klitschko, dem Fraktionschef von „Batkiwschtschina“ Arsenij Jazenjuk sowie dem Vorsitzenden der nationalistischen Partei „Swoboda“ Oleh Tjahnibok.

          Viele legen diesen dreien, die stets auf einen friedlichen Kurs gedrungen haben, die bisherige Erfolglosigkeit der Dauerrevolte zu Last, und werfen ihnen vor allem vor, dass sie es bis heute nicht geschafft haben, sich auf einen Führer zu einigen – mit der Folge, dass am Sonntag vor den Unruhen selbst der prominente Klitschko bei seinem Auftritt auf der Bühne des Majdan nicht nur Applaus zu hören bekam, sondern auch Pfiffe.

          Die Charakterunterschiede der drei Führer

          Der Aufruf zum Marsch auf die Regierungsgebäude, der zuletzt in die Gewalt führte, ist denn auch an diesem Nachmittag von einem offenen Kritiker der drei Führer gekommen, von Serhij Koba, dem Organisator des „Automajdan“ – einer Gruppe, die in den vergangenenWochen durch Fahrzeugblockaden vor den Palästen und Anwesen des Präsidenten und anderer prominenter Regimevertreter von sich reden gemacht hatte.

          Damit hat die Gewaltnacht auf den Montag noch etwas verändert: das Bild der Führung in der ukrainischen Opposition. Die Unzufriedenheit einer immer ungeduldiger werdenden Menge mit einem Spitzentrio, das dank seiner ungelösten Führungsfrage gelähmt erscheint, ist so deutlich geworden wie nie zuvor. Zuletzt hat dies zumindest abseits des eigentlichen „Majdan“ zum Kontrollverlust geführt.

          Dabei sind dann auch Charakterunterschiede der drei Führer sichtbar geworden – und vor allem der Unterschied des Boxchampions Klitschko zu Jazenjuk und Tjahnibok. Klitschko nämlich ist in dem Augenblick, als die Gewalt ausbrach, das Risiko eingegangen, sich zwischen Demonstranten und Polizei zu stellen – ein sehr konkretes Risiko, wie sich nur wenige Sekunden später zeigte, als er aus der Menge der Randalierer heraus mit dem scharfen Sprühnebel eines Feuerlöschers angegriffen wurde.

          Der Präsident verhandelte nur mit Klitschko

          Aber nicht nur hier ist die Sonderrolle Klitschkos sichtbar geworden. Noch deutlicher wurde sein besonderer Status, als später in der Nacht klar wurde, dass das schier Unmögliche möglich geworden war: Präsident Janukowitsch hatte sich zu einem Treffen bereitgefunden – und zwar nicht mit dem Gesamttrio der Opposition, sondern mit Klitschko allein. Er empfing ihn in seinem luxuriösen Palast Meschihirija nördlich von Kiew mitten in der Nacht. Was die beiden besprochen haben mögen, ist bisher nicht bekannt geworden, jedenfalls aber hat der Präsident danach bekanntgegeben, er sei nun bereit, mit der Opposition zu verhandeln.

          Diese Entwicklung hat das Verhältnis der Oppositionsführer zueinander verändert. Mehrere Kiewer Quellen bestätigen, dass zumindest Jazenjuk über Klitschkos einsames Kolloquium mit dem Präsidenten alles andere als glücklich gewesen ist. Er hat den raketenhaften Aufstieg des Boxchampions stets zu bremsen versucht und musste nun hinnehmen, wie der Mann, den er im Grunde für einen unerfahrenen und Neuling ohne echtes politisches Gewicht hält, an ihm vorbeizog.

          An schnellen Erfolg glaubt niemand

          Ob die Verhandlungen, die der Präsident angeboten hat, etwas bringen können, ist dabei zweifelhaft. Am Sonntag zeigte sich, dass er keineswegs gedenkt, selbst daran teilzunehmen, sondern dass er lediglich ein paar Helfershelfer unter der Führung von Andrij Kljujew, des Chefs des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, an den Verhandlungstisch schicken will.

          Kluwjew ist ein Mann, den Oppositionspolitiker für einen „Falken“ halten, also für einen, der auf Regierungsseite eher zu Gewalt rät, als zu Konzilianz. Der Präsident gibt damit wie so oft ein zwiespältiges Bild ab. Zwar hat er darauf verzichtet, die Gewalt vom Sonntag zum Anlass für noch weit schlimmere Gegengewalt zu nehmen, doch scheint er auch nicht bereit, der Opposition wirklich entgegenzukommen.

          Klitschko, Jazenjuk und Tjahnibok haben daraufhin am Montagnachmittag beschlossen, ebenfalls nur ihre „B-Mannschaft“ in die Verhandlungen zu schicken, eine Gruppe von Beratern unter der Führung von Olexander Turtschinow, dem stellvertretenden Vorsitzenden von „Batkiwschtschina“. Dass die versprochenen Verhandlungen unter diesen Umständen zu einem schnellen Erfolg führen können, glaubt niemand. Es gibt auch Dinge, die sich nicht verändert haben in dieser Nacht.

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