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Ukraine : Die Nacht, die den Protest veränderte

Viele legen diesen dreien, die stets auf einen friedlichen Kurs gedrungen haben, die bisherige Erfolglosigkeit der Dauerrevolte zu Last, und werfen ihnen vor allem vor, dass sie es bis heute nicht geschafft haben, sich auf einen Führer zu einigen – mit der Folge, dass am Sonntag vor den Unruhen selbst der prominente Klitschko bei seinem Auftritt auf der Bühne des Majdan nicht nur Applaus zu hören bekam, sondern auch Pfiffe.

Die Charakterunterschiede der drei Führer

Der Aufruf zum Marsch auf die Regierungsgebäude, der zuletzt in die Gewalt führte, ist denn auch an diesem Nachmittag von einem offenen Kritiker der drei Führer gekommen, von Serhij Koba, dem Organisator des „Automajdan“ – einer Gruppe, die in den vergangenenWochen durch Fahrzeugblockaden vor den Palästen und Anwesen des Präsidenten und anderer prominenter Regimevertreter von sich reden gemacht hatte.

Damit hat die Gewaltnacht auf den Montag noch etwas verändert: das Bild der Führung in der ukrainischen Opposition. Die Unzufriedenheit einer immer ungeduldiger werdenden Menge mit einem Spitzentrio, das dank seiner ungelösten Führungsfrage gelähmt erscheint, ist so deutlich geworden wie nie zuvor. Zuletzt hat dies zumindest abseits des eigentlichen „Majdan“ zum Kontrollverlust geführt.

Dabei sind dann auch Charakterunterschiede der drei Führer sichtbar geworden – und vor allem der Unterschied des Boxchampions Klitschko zu Jazenjuk und Tjahnibok. Klitschko nämlich ist in dem Augenblick, als die Gewalt ausbrach, das Risiko eingegangen, sich zwischen Demonstranten und Polizei zu stellen – ein sehr konkretes Risiko, wie sich nur wenige Sekunden später zeigte, als er aus der Menge der Randalierer heraus mit dem scharfen Sprühnebel eines Feuerlöschers angegriffen wurde.

Der Präsident verhandelte nur mit Klitschko

Aber nicht nur hier ist die Sonderrolle Klitschkos sichtbar geworden. Noch deutlicher wurde sein besonderer Status, als später in der Nacht klar wurde, dass das schier Unmögliche möglich geworden war: Präsident Janukowitsch hatte sich zu einem Treffen bereitgefunden – und zwar nicht mit dem Gesamttrio der Opposition, sondern mit Klitschko allein. Er empfing ihn in seinem luxuriösen Palast Meschihirija nördlich von Kiew mitten in der Nacht. Was die beiden besprochen haben mögen, ist bisher nicht bekannt geworden, jedenfalls aber hat der Präsident danach bekanntgegeben, er sei nun bereit, mit der Opposition zu verhandeln.

Diese Entwicklung hat das Verhältnis der Oppositionsführer zueinander verändert. Mehrere Kiewer Quellen bestätigen, dass zumindest Jazenjuk über Klitschkos einsames Kolloquium mit dem Präsidenten alles andere als glücklich gewesen ist. Er hat den raketenhaften Aufstieg des Boxchampions stets zu bremsen versucht und musste nun hinnehmen, wie der Mann, den er im Grunde für einen unerfahrenen und Neuling ohne echtes politisches Gewicht hält, an ihm vorbeizog.

An schnellen Erfolg glaubt niemand

Ob die Verhandlungen, die der Präsident angeboten hat, etwas bringen können, ist dabei zweifelhaft. Am Sonntag zeigte sich, dass er keineswegs gedenkt, selbst daran teilzunehmen, sondern dass er lediglich ein paar Helfershelfer unter der Führung von Andrij Kljujew, des Chefs des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, an den Verhandlungstisch schicken will.

Kluwjew ist ein Mann, den Oppositionspolitiker für einen „Falken“ halten, also für einen, der auf Regierungsseite eher zu Gewalt rät, als zu Konzilianz. Der Präsident gibt damit wie so oft ein zwiespältiges Bild ab. Zwar hat er darauf verzichtet, die Gewalt vom Sonntag zum Anlass für noch weit schlimmere Gegengewalt zu nehmen, doch scheint er auch nicht bereit, der Opposition wirklich entgegenzukommen.

Klitschko, Jazenjuk und Tjahnibok haben daraufhin am Montagnachmittag beschlossen, ebenfalls nur ihre „B-Mannschaft“ in die Verhandlungen zu schicken, eine Gruppe von Beratern unter der Führung von Olexander Turtschinow, dem stellvertretenden Vorsitzenden von „Batkiwschtschina“. Dass die versprochenen Verhandlungen unter diesen Umständen zu einem schnellen Erfolg führen können, glaubt niemand. Es gibt auch Dinge, die sich nicht verändert haben in dieser Nacht.

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