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Ukraine : Die Macht der Milliardäre

Im März aber drehte sich der Wind. Das Parlament änderte die Statuten der infizierten Staatsunternehmen. Zugleich begann die Regierung, Kolomojskijs Klone aus den Vorständen zu drängen. Als der Oligarch dann persönlich an der Spitze bewaffneter Schläger mitten in Kiew auftauchte, um unter Schimpftiraden die Chefetagen „seiner“ Staatskonzerne mit blanker Gewalt zu verteidigen, blieb Präsident Poroschenko keine Wahl: Dieser Mann war nicht mehr zu halten. Kolomojskij verlor nicht nur seine Erfüllungsgehilfen im staatlichen Ölgeschäft, er wurde auch als Gouverneur von Dnipropetrowsk entlassen. Auch Odessa, den zweiten Brückenkopf seiner Verwaltungsmacht, hat er verloren: Poroschenko ersetzte den dortigen Gouverneur, einen von Kolomoijskijs Partnern, durch den früheren georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili. Der wiederum ist eng mit Poroschenko verbunden.

Poroschenko musste Stärke beweisen

Der Dritte, den das Majdan-Bündnis nun hinauswarf, war Dmytro Firtasch. Im alten Regime hatte er als Teilhaber eines monopolistischen Gas-Zwischenhändlers die Geld- und Energieströme zwischen Russland, der Ukraine und den westlichen Märkten beherrscht. Jedes Jahr schöpfte er Hunderte von Millionen Dollar ab. Neben dem Kohlebaron Achmetow galt er als der wichtigste Financier des Systems Janukowitsch. Zugleich war er eine Verteilstation für die sichtbaren und unsichtbaren Geldströme zwischen Moskau und Kiew. Er besitzt bis heute 60 Prozent der regionalen Verteilungsnetze für Erdgas in der Ukraine.

Nach der Revolution hat Firtasch eilig versucht, seine alte Macht zu sichern. Wie weit dieser Einfluss dabei heute noch geht, ist umstritten. Die weit verbreitete Erzählung, er sei der eigentliche Sponsor des früheren Boxweltmeisters und heutigen Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko, hat dieser immer zurückgewiesen. Klar ist jedoch, dass der Milliardär, den die Vereinigten Staaten wegen Bestechung per Haftbefehl suchen, von der Justiz Österreichs, wo er heute lebt, vor Auslieferung geschützt wird. Gleich nach der Revolution hat er sich nicht nur mit Klitschko in Wien getroffen, sondern auch mit Poroschenko. Der bereitete damals seinen Antritt zur Präsidentenwahl von 2014 vor. Erst kürzlich hat Firtasch laut hinausposaunt, kein anderer als er selbst habe damals den Boxweltmeister dazu bewegt, zu Poroschenkos Gunsten auf eine eigene Kandidatur zu verzichten.

Dies war der Punkt, an dem der Präsident eingreifen musste. Ein Oligarch hatte sich offen damit gerühmt, ihm den Weg bereitet zu haben. Der Abgeordnete Sergej Leschenko, ein früherer Journalist, sagt, Poroschenko habe spätestens in diesem Augenblick demonstrieren müssen, dass er keine Marionette Firtaschs sei. Der Bruch kam Mitte Juni. Unter großer öffentlicher Anteilnahme feuerte der Präsident den Geheimdienstchef Valentyn Nalywajtschenko, Firtaschs wichtigsten Mann im Machtapparat.

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