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Ukraine : Das Erwachen der Partisanen

Richtung Revolution: Jurij Pelekatij zählt die Protestierenden im Bus Bild: Yulia Serdyukova

Hundertschaften fast militärisch organisierter Demonstranten reisen aus der Westukraine zu Protesten nach Kiew. Für sie gibt es kein Zurück im Kampf gegen den Präsidenten. Mit Videoreportage.

          Name, Vorname, militärischer Dienstgrad. Beim Einsatzstab des Nationalen Widerstands im ukrainischen Lemberg, (Lwiw), stellten die Unzufriedenen am Samstag ihren Konvoi für die Großproteste in Kiew zusammen. In der Hauptstadt, 500 Kilometer weiter östlich, hatte die Opposition gerade auf die Straße gerufen – am dritten Sonntag in Folge seit dem 24. November.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das westukrainische Lemberg ist eine nationale Hochburg des Widerstands gegen den Präsidenten Viktor Janukowitsch. Die alte Stadt an der Grenze zu Polen hat viele hundert Jahre zum Habsburgerreich und anschließend zu Polen gehört, Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie sowjetisch. Stalins Geheimdienst NKWD hinterließ damals buchstäblich Berge von Toten. Seither herrscht hier gegen die „Moskowiter“ tiefe Abneigung, „Europa“ dagegen ist der Mythos des verlorenen Paradieses. Janukowitsch mit seiner spätsowjetischen Prägung war deshalb hier immer unbeliebt, und seit er sich am 21. November vom Kurs der Westintegration abgewendet hat, ist er regelrecht verhasst. Im Regionalparlament hat seine „Partei der Regionen“ nur 10 Sitze. Die ukrainisch-nationalistische „Swoboda“ unter Oleh Tjahnibok, einem der drei Kiewer Revolutionsführer, dagegen kommt auf 41, etwa zehnmal so viel wie im ukrainischen Durchschnitt.

          Demonstrantennachschub wird genauestens geplant

          Die Opposition hat die Stadt in der Hand. Am Rathaus prangt die Europafahne, das Regionalparlament hat seine Rechts- und Informationsabteilung dem „Stab des Nationalen Widerstands“ zur Verfügung gestellt. Selbst die Polizei gilt als verbündet. Und der Stadtrat hat den Wirtshäusern empfohlen, zum Schutz der Revolution den Verkauf von Alkohol einzustellen. Es heißt, die Empfehlung werde weitgehend befolgt, allerdings konnte man auch Ausnahmen beobachten.

          Hunderte Demonstranten machen sich täglich in Bussen nach Kiew auf

          Der Regionalratsabgeordnete Andrij Kornat ist Chef der Organisationsabteilung beim Stab. Er ist verantwortlich für den Demonstrantennachschub in die Hauptstadt, und beschreibt klar die Arbeitsprinzipien seiner Dienststelle: Seit es in Kiew Gewalt gegeben habe, sagt er, nehme man nur noch Männer über 21 Jahren mit, Frauen nur in Ausnahmefällen, etwa wenn die „Med-Punkte“ in der Hauptstadt sie anforderten. Wer sich freiwillig melde, werde mit Telefonnummer und militärischem Dienstgrad registriert. Dann würden Zehner- und Hundertschaften gebildet, oft mit pensionierten Offizieren der Spitze, je nach Rang. Die Fahrt selbst erfolgt stets im Konvoi, um bei Polizeisperren ein paar hundert Leute aufbieten zu können. Bisher habe das immer funktioniert, die Miliz habe noch nie gewagt, große Transporte lange aufzuhalten. Notfalls könne man die Schnellstraße Lemberg-Kiew, eine Hauptarterie des Landes, binnen Minuten sperren und einen „Majdan der Landstraße“ schaffen. „Das ist wohl ein Ausflug?“ frage die Miliz deshalb vorsichtig, wen sie einen Konvoi kontrolliere. „Ja, ein Ausflug“ antworte der Transportkommandant. „Na dann, gute Fahrt“.

          In Lemberg weht ein anderer Wind

          Kornat sagt, man nehme nur Männer mit, die entschlossen sein, sich wirklich einzusetzen. Anfangs hätten Anrufer noch gefragt, wie viel die Revolution denn zahle für jeden Tag in Kiew. Denen habe man bedeutet, die Revolution zahle nichts, vielmehr erwarte man, dass jeder, der mitkomme selbst 100 Hrywnia (neun Euro) für die Transportkasse mitbringe, und sich dazu verpflichte, in Kiew mindestens 48 Stunden zu demonstrieren. In der Hauptstadt wurden in einer Messehalle 1500 Schlafplätze eingerichtet. Der Transport werde von befreundeten Busunternehmen erledigt, oft zu Sonderpreisen, manchmal gratis. Manche Fahrer führen „bis zum Umfallen“ und weigerten sich auszuruhen.

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