https://www.faz.net/-gq5-7myjr

Ukraine : Bange Fragen auf der Krim

  • -Aktualisiert am

Wild entschlossen: Bürgerwehren am Samstag vor dem russischen Konsulat in Simferopol Bild: Getty Images

Die neue „Regierung“ auf der Halbinsel Krim will eilig ihre Macht zementieren und mit Moskaus Hilfe unabhängig werden. Doch viele Bewohner blicken mit Angst in die Zukunft.

          Vor dem Parlament von Simferopol herrscht Volksfeststimmung am Sonntag. Alte russische Frauen haben einen Tisch aufgebaut, an dem sie kostenlos Tee und Butterbrote mit Wurst und Käse verteilen. Aus zwei großen Lautsprechern schallen ununterbrochen sowjetische Kriegslieder, manchmal auch eine Rockversion der russischen Nationalhymne. In der Mitte einer Menschenmenge steht ein blonder Mann mit Bart und ruft in ein Mikrofon. „Was jetzt auf unserer Krim geschieht, das nennen wir Krim-Frühling“, sagt er. „Der Frühling bringt uns Hoffnung und Sicherheit. Die Regierung auf der Krim ist jetzt stärker denn je.“

          Der Mann heißt Dmitrij Polonskij, ist Abgeordneter der Partei „Russische Einheit“ im Stadtrat und seit dieser Woche Berater des unter fragwürdigen Umständen neu ernannten russischen Regierungschefs der Halbinsel Krim, Sergej Aksjonow. Als solcher ist Polonskij, ein Mann Mitte dreißig, sehr gefragt. Dutzende aufgeregter, vor allem älterer Leute stürmen mit Fragen auf ihn ein. Ob das Referendum für die Autonomie nun wirklich schon am 30. März abgehalten werde, fragt eine Frau. Polonskij antwortet geduldig. Eine Volksabstimmung der gesamten Bevölkerung der Krim werde – in der Tat – schon für den letzten Tag dieses Monats vorbereitet. Je schneller man die Dinge kläre, desto schneller könne das Leben auf der Krim wieder seinen normalen Gang gehen.

          Die meistgestellte Frage ist die nach den Löhnen

          Die Herren interessieren sich für Sicherheitsfragen. Tausende russische Militärangehörige haben inzwischen auf der Halbinsel Stellung bezogen. Die Bilder haben hier alle in den örtlichen Medien gesehen. Aber kontrolliert Aksjonow, der bis vor einer Woche noch der Führer der winzigen Partei „Russische Einheit“ mit nur drei Sitzen im Parlament war, auch das ukrainische Militär? Sämtliche Sicherheitskräfte auf der Halbinsel seien auf der Seite der neuen Regierung, sagt Polonskij beruhigend. „Wir haben alles unter Kontrolle!“ Auch die Sondereinheit Berkut stehe auf der Seite der neuen prorussischen Macht. Das russische Konsulat in Simferopol hatte nach eigenen Angaben am Vortag sechs Berkut-Mitgliedern russische Pässe ausgehändigt.

          Dmitrij Polonskij berät den unter fragwürdigen Umständen neu ernannten russischen Regierungschefs der Halbinsel Krim Sergej Aksjonow.

          Außerdem habe Aksjonow soeben einen neuen Polizeichef ernannt, fährt Berater Polonskij fort. Schon vor einer Woche waren Patrouillen und Bürgerwehren eingerichtet worden, die inzwischen, so Polonskij, perfekt koordiniert seien und die Unversehrtheit der Bürger von Simferopol garantierten. Man kann die Männer überall in der Innenstadt an den orange-schwarzen Bändern, dem Siegessymbol der Roten Armee, und an ihren Armbinden erkennen. Vor den Kasernen der Berkut haben sie hölzerne Barrikaden aufgebaut und halten seit Tagen ununterbrochen Wache.

          Was die angestrebte Autonomie bedeuten werde, kann Polonskij freilich noch nicht genau sagen. Regierungschef Akjonow hatte eine für den Mittag vorgesehene Pressekonferenz verschoben, weil er nach Angaben seiner Sprecherin eilig für Koordinierungsgespräche nach Sewastopol reisen musste. Polonskij kann den aufgeregten Bürgern immerhin sagen, dass die doppelte Staatsbürgerschaft ganz oben auf der politischen Agenda stehe. Ob die Krim am Ende eine Autonome Republik oder ganz einfach eine Republik werden solle, will ein anderer Mann wissen. „Wir wollen natürlich am liebsten eine Respublika Krim“, sagt Polonskij. Ob er damit eine vollständige Unabhängigkeit meine, will er nicht erläutern. Die meistgestellte Frage des Tages ist die nach den Löhnen. Kann denn Simferopol, nun, da es sich von Kiew losgesagt hat, weiter die Gehälter der Angestellten im öffentlichen Dienst zahlen? Auch hier spricht Polonskij beruhigende Worte. Russland habe Hilfe versprochen und werde auch Geld zur Verfügung stellen, sagte er.

          „Hoffentlich gibt es keinen Krieg“

          Am Stadtrand von Simferopol, wo die aufgerissenen Straßen fast unbefahrbar sind, liegen die beiden tatarischen Stadtteile Ak-Metschet und Fontany. Hier glaubt keiner so recht an die Appelle an die Einigkeit der Nationalitäten, die Leute wie Polonskij und Aksjonow in diesen Tagen gebetsmühlenartig vortragen. In den vergangenen Tagen sind an einigen Wänden in der Gegend fremdenfeindliche Schmierereien aufgetaucht, offenbar von russischer Hand. In einigen Hauseingängen wurden die Klingeln zerschlagen, erzählt man sich an einer Bushaltestelle in Fontany.

          Arsen und Ruslan, zwei Krimtataren im mittleren Alter, trinken einen lauwarmen löslichen Kaffee, den ein Verkäufer an der Haltestelle aus einer großen Thermoskanne in Plastikbecher gefüllt hat. „Wir wollen hier alle nur Frieden haben“, sagt Arsen und begrüßt seinen kleinen Sohn, der von einem der grauen Wohnblöcke herübergelaufen ist. „Wir haben alle Familien und Kinder.“ Seit einer Woche organisieren auch die Krimtataren Patrouillen, die nachts ihre Stadtteile, Moscheen und Friedhöfe schützen sollen. Sie seien aber vor allem am Abend und in der Nacht unterwegs, berichtet Arsen. Seit der großen Schlägerei mit den Russen vor dem Parlament am Mittwoch war er nicht mehr im Stadtzentrum. Man wolle keinen Anlass für Provokationen geben, sagt er. „Inschallah, hoffentlich gibt es keinen Krieg.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.