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Prügelei im Parlament : Auf die feine englische Art

Bild: AFP

Wenn politischer Streit im Krankenhaus endet: Der Kandidat für den Vorsitz der britischen Ukip wird auf den Gängen des Europaparlaments zusammengeschlagen. Was dahinter steckt, gewährt Einblicke in das Seelenleben der Populisten.

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          Der Vorfall, sagte Nigel Farage verdrießlich, erinnere an Zustände in der „Dritten Welt“ und erwecke den unvorteilhaften Eindruck, als sei seine Partei „gewalttätig“. Diese Feststellung des Mannes des ewigen Übergangsvorsitzenden der EU-feindlichen Ukip könnte als einer der wenigen in die Geschichte eingehen, der niemand widersprechen möchte. Noch sind die Umstände nicht vollständig geklärt, aber sicher ist, dass ein Streit in der Europa-Fraktion der Britischen Unabhängigkeitspartei im Krankenhaus endete. Steven Woolfe, der am Donnerstag ohnmächtig in eine Straßburger Klinik eingeliefert wurde, geht es nach eigenem Bekunden wieder gut. Er lobte sogar das Krankenhauspersonal in der französischen Europa-Stadt.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Die Entstehungsgeschichte des Schlagabtauschs gewährt einen Einblick in die gegenwärtige Seelenlage der Populisten. Woolfe, der als Favorit im neuesten Kräftemessen um das Amt des Parteichefs gilt, hatte kurz vor der Bekanntgabe seiner Kandidatur verraten, dass er beinahe zu den Tories übergelaufen wäre. Wie viele Ukipper sei er begeistert von der neuen Premierministerin Theresa May gewesen, die, wie Farage das unlängst ausgedrückt hat, „die Konservative Partei als Ukip wiedererfunden hat“.

          Der genaue Hergang ist unklar

          Den Europa-Abgeordneten Mike Hookem, der seine Prägung in einer Fischfabrik und bei der Royal Air Force erhalten hat, soll Woolfes Bekenntnis so erzürnt haben, dass er lautstarke Vorwürfe gegen seinen Fraktionskollegen erhob, die schließlich in der Aufforderung mündeten, die Sache „vor der Tür“ zu regeln. Ob dort, im Gang des Europaparlaments, geschlagen, getreten oder nur gerempelt wurde, ist nicht klar. Beide Politiker sollen den Ort der Auseinandersetzung körperlich weitgehend intakt verlassen haben - aber zwei Stunden später fand man Woolfe auf dem Boden des Parlamentsgebäudes, ausgestreckt wie ein gespreizter Adler, wie eine britische Zeitung poetisch festhielt.

          Seither versichern alle Ukip-Politiker, dass sie Woolfe rasche Genesung wünschen, wobei jene, die ihn nicht ganz so gerne als nächsten Parteichef sehen, ihre Anteilnahme mit Spekulationen über die Schuldfrage und allgemeineren Betrachtungen der innerparteilichen Lage verknüpfen. Woolfe habe „den Kampf begonnen“, ihn dann aber als Verlierer beendet, kommentierte Neil Hamilton, der Ukip-Chef von Wales, den Vorfall. Hintergrund seien die „wachsenden Unstimmigkeiten“ in der Partei, die „von oben“, also von Farage, ausgingen. Daraufhin wurde Hamilton von Ukips wichtigstem Geldgeber, dem Unternehmer Arron Banks, vorgehalten, „Galle zu spucken“, während Woolfe noch im Krankenhaus behandelt worden sei.

          Woolfe, den Farage angeblich als seinen neuesten Nachfolger sehen will, bekam seine unverhoffte zweite Chance, nachdem Diane James nach nur 18 Tagen an der Parteispitze „zurückgetreten“ war - tatsächlich hatte sie, wie erst nach ihrem Rückzug bekannt geworden ist, keine gültigen Papiere bei der Wahlkommission eingereicht und war daher nie formal Parteichefin gewesen. Woolfe wiederum hatte zur letzten Urwahl nicht antreten dürfen, weil seine Bewerbungsunterlagen 17 Minuten zu spät eingetroffen waren.

          Bekämpft werden Woolfe und Farage von den sogenannten liberalen Reformern, zu denen neben Hamilton auch der einzige Unterhausabgeordnete der Ukip, Douglas Carswell, gezählt wird. Der Streit um den Kurs der Partei eskaliert, seit deren Hauptziele - der Austritt aus der EU und die Begrenzung der Einwanderung - erreicht beziehungsweise von der Regierung May übernommen wurden.

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