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Überlebender des SS-Massakers : „Es berührt mich immer noch“

Er überlebte: Robert Hébras in den Ruinen der Kirche in Oradour-sur-Glane, in der seine Mutter und seine Schwestern verbrannten. Bild: ddp images/EAN MICHEL NOSSANT/SI

Robert Hébras überlebte im Juni 1944 das Massaker, das die SS in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane verübte. Nun führte er als Zeitzeuge Bundespräsident Gauck durch den Ort, den deutsche Soldaten auslöschten.

          Den Kampf gegen das Vergessen hat Robert Hébras schon als junger Mann begonnen. Seit vielen Jahren führt er Besucher durch die Ruinen des Dorfes, das in Frankreich zum Mahnmal für deutsche Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs geworden ist: Oradour-sur-Glane. Jetzt wird Hébras Bundespräsident Joachim Gauck begleiten, wenn der an diesem Mittwoch das Märtyrerdorf zusammen mit dem französischen Präsidenten François Hollande besucht.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Am 10. Juni 1944, vier Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, ermordeten Soldaten des Panzergrenadier-Regiments der Waffen-SS „Der Führer“ in Oradour fast alle Bewohner, 642 Menschen, darunter 250 Frauen und 207 Kinder. Nur fünf Männer und eine Frau überlebten. Robert Hébras ist einer von ihnen. Der 88 Jahre alte Mann hat es sich zur Pflicht gemacht, die Erinnerung an den schrecklichen Junitag wachzuhalten. Als Routine hat er die Führungen durch das Ruinendorf nie empfunden. „Es berührt mich immer noch“, sagt Hébras, wenn sein Blick auf die mit schwarzen Brandspuren gezeichneten Mauern seines Elternhauses fällt.

          „Hier ist die Zeit stehen geblieben“

          In der Kirche, deren Rundbogen aus hellem Sandstein noch intakt sind, kamen vermutlich Hébras’ Mutter und seine Schwestern ums Leben. 457 Frauen und Kinder hatten die Soldaten in der Kirche eingesperrt. Sie zündeten einen Sprengsatz im Kirchenschiff und schossen mit Maschinengewehren in die Menge. Später verteilten sie Stroh auf den Toten und Verletzten und setzten die Kirche in Brand. Hébras war mit anderen Männern in der Laudy-Scheune eingesperrt worden. Sein Leben verdankt er einem Freund, dessen Leiche ihn bedeckte. Die Soldaten hatten auf die etwa 60 Männer geschossen, bis sich keiner mehr rührte. Dann warfen sie Heubündel auf die Toten und zündeten diese an. Hébras gelang es, mit vier anderen Männern aus der brennenden Scheune zu entkommen.

          “Hier ist die Zeit stehengeblieben, damit du dich erinnerst“ steht auf der Tafel am Ortseingang. Charles de Gaulle entschied bei seinem ersten Besuch in Oradour im März 1945, die Ruinen als nationale Gedenkstätte zu erhalten. Ein neues Dorf entstand einige hundert Meter entfernt. Hébras, der in den letzten Kriegsmonaten in der Résistance aktiv war, siedelte sich im neuen Oradour an. 1950 eröffnete er dort die erste Autowerkstatt. Er sagt, er habe nie daran gedacht wegzuziehen.

          Die Gedenkstätte heute

          Im Jahr 1953 sagte er im Prozess von Bordeaux gegen 21 SS-Männer aus, die am Massaker beteiligt gewesen waren. 1983 reiste er nach Ost-Berlin, um als Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Heinz Barth auszusagen, der in Abwesenheit schon in Bordeaux zum Tode verurteilt worden war. Barths Vorgesetzte, die in der Bundesrepublik lebten, blieben von der Justiz unbehelligt. Von 1987 bis 1991 leitete Hébras die Nationale Vereinigung der Märtyrerfamilien. Unermüdlich warb er für die Errichtung einer Gedenkstätte, um den folgenden Generationen das Geschehen zu erklären. 1999 wurde die Gedenkstätte eingeweiht. Der dreifache Großvater Hébras ist zuversichtlich, dass das Schicksal Oradours nicht vergessen wird.

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