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Übergangs-Regierungschef Jazenjuk : Der ukrainische Anti-Held

Anfangs beinahe ausgelacht: der ukrainische Oppositionsführer Arsenij Jazenjuk im vergangenen November in Kiew Bild: AP

Kaum jemand in der Ukraine hat Arsenij Jazenjuk je ernst genommen. Jetzt, in der Krise, übernimmt er Verantwortung – obwohl er dabei nur verlieren kann. In Kiew macht das Wort vom „Kamikaze-Kabinett“ die Runde.

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          Wer von dem Opfer sprechen möchte, das der neue ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk gerade bringt, sollte zuerst kurz innehalten. An einer bestimmten Stelle im Zentrum Kiews, vor dem schönen Jugendstilpalast der Nationalbank, dort, wo vor wenigen Tagen die Kugeln der Heckenschützen einschlugen, verlangsamen die Menschen immer noch ihren Schritt im Vorübergehen. Sie zögern, sie kämpfen mit den Tränen, wenn sie an diesen vielen kleinen improvisierten Altären vorbeikommen, die jetzt überall an die Toten erinnern: Ein Helm auf einem selbstgemachten Podest, ein Foto eines fröhlichen, oft sehr jungen Menschen, daneben Blumen. Rosen, Nelken, jeden Morgen neue. Die Leute legen sie en passant hier ab, auf dem Weg zum Büro.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          All das sollte im Kopf haben, wer von Arsenij Jazenjuks Opfer spricht. Es ist bescheiden – aber ein Opfer ist es trotzdem. Nicht jeder seiner Weggefährten hat in diesen Tagen des Zusammenbruchs, wo jeder, der dieses Land zu regieren wagt, mit großer Sicherheit seine Karriere ruiniert, den Mut dazu gehabt.

          Am Donnerstag, als „Arsenij“ (die Revolution nennt ihre Akteure beim Vornahmen) mit einer Mehrheit aus pro-europäischer Opposition und hinreichend Wendehälsen des Ancien Régime vom ukrainischen Parlament zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, stand das Land vor dem Kollaps, und da steht es auch heute noch. Die Kassen sind leer, und in Kiew eskalieren die Sicherheitsprobleme, weil die alte Polizei sich immer noch nicht auf die Straße wagt. Vor allem aber droht auf der Krim ein Krieg mit Russland. Alle wissen, dass jeder, der jetzt Verantwortung übernimmt, eigentlich nur scheitern kann. Gnadenlose Sparpolitik, steigende Gaspreise, Konfrontation mit Russland: Nichts davon wird die Revolutionsregierung den Menschen ersparen können. Wer dabei ist, droht verbrannt zu werden. Das Wort vom „Kamikaze-Kabinett“ macht in Kiew die Runde.

          Söhnchen einer Professorenfamilie

          Das jetzt ausgerechnet Arsenij Jazenjuk sich dieser Aufgabe stellt, ist überraschend. Er ist so gar kein Held. Schmächtig, blass, bebrillt, Söhnchen einer Professorenfamilie, glich er lange dem Lehrerliebling, mit dem echte Kerls sich nur abgeben, um in der Schule von ihm spicken zu können. Als er im Januar einmal, damals schon als einer der drei „politischen Führer“ des „Majdan“ voller Pathos in die Menge rief, für sein Land sei er bereit „eine Kugel in die Stirn“ zu empfangen, fehlte nicht viel, und die Leute hätten ihn ausgelacht. Da schienen die beiden anderen, der bullige Nationalist Oleh Tjahnibok und der gewaltige Boxer Vitali Klitschko, schon von anderem Kaliber zu sein.

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