https://www.faz.net/-gq5-7mxi4

Übergangs-Regierungschef Jazenjuk : Der ukrainische Anti-Held

Lange wirkte Jazenjuk wie einer dieser ebenso schnell wie wendig aufsteigenden Jungjuristen und Wirtschaftsexperten, die überall in der Welt die Umlaufbahnen der Macht bevölkern. Und es schien, als hätte er in seiner kurzen, steilen Karriere schon zu viele Hände geschüttelt, um noch ernst genommen zu werden. Sein Aufstieg verlief in Schlangenlinien: Mit seinen heute 39 Jahren ist er schon unter dem vorvorletzten Präsidenten Leonid Kutschma, in einer Blütezeit der Korruption also, stellvertretender Chef der Nationalbank gewesen, und unter dem westlich orientierten Folgepräsidenten Viktor Juschtschenko wurde er dann Wirtschaftsminister: wiederum ausgerechnet in jenen Monaten, als zwischen Russland und der Ukraine der sogenannte „RosUkrEnergo-Deal“ eingefädelt wurde, eines der empörendsten russisch-ukrainischen Schiebungsgeschäfte der letzten Jahrzehnte. Später war er dann noch Außenminister und Parlamentspräsident.

In der Präsidentenwahl von 2010 kandidierte er in einer aufwändigen Kampagne gegen die damalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko, die schillernde Ikone der Demokratiebewegung, und gegen Janukowitsch gleichermaßen. Jeder fragte sich damals, an wessen Strippe dieser smarte junge Mann wohl laufe, welcher Oligarch diesen Pappkameraden aufgestellt haben mochte, um im Spiel um Macht und Geld eigene Karten in der Hand zu haben.

Vom „Euromajdan“ überrascht

In den Jahren, die auf Janukowitschs Machtergreifung folgten, ist seine Linie dann gerader geworden. Als Timoschenko, die Erzfeindin des Präsidenten, 2011 verhaftet wurde, profitierte er davon, dass sie an der Spitze ihrer Partei „Vaterland“ (Batkiwschtschina) neben sich keine Götter geduldet hatte. Er nutzte das Vakuum und setzte sich an die Spitze. Plötzlich war er der Frontmann der größten ukrainischen Oppositionskraft.

In dieser Rolle ist Jazenjuk dann Ende November 2013 vom „Euromajdan“ überrascht worden. Niemand hatte mit dem Aufstand gerechnet. Die Zivilgesellschaft galt nach dem kläglichen Scheitern der demokratischen „Revolution in Orange“ von 2004 als demoralisiert, lethargisch, zynisch. Wer jung war, ging in den Westen, wer alt war, ging auf die Datscha und pflanzte Gurken.

Der Journalist Mustafa Najem, dessen legendärer Facebook-Aufruf Ende November der erste Anstoß zu jenem Euromajdan geworden ist, der jetzt Janukowitsch fortgefegt und Jazenjuk ins Amt gehoben hat, erinnert sich, wie er den späteren Regierungschef damals abends im Parlament traf. Wenige Stunden vorher hatte Janukowitsch seinen lange scheinbar entschlossen verfolgten Kurs der europäischen Integration aufgegeben, wenig später sollte er dann ein Milliardenangebot von Russlands Präsident Putin annehmen.

Getrieben von der Wut der Netzwerke

Najem sagt, er habe damals den Oppositionspolitiker Jazenjuk gefragt, ob dies nicht der Augenblick sei, die Menschen auf die Straße zu rufen. Der aber habe nur müde abgewunken: Keine Chance, die seien ja alle viel zu hoffnungslos, viel zu müde. Es war der Irrtum des Jahres. Stunden später rief Najem selbst zum Protest, und der „Majdan“ begann.

Weitere Themen

Tausende protestieren in Hongkong Video-Seite öffnen

Gegen Abschiebungsgesetz : Tausende protestieren in Hongkong

In Hong Kong protestierten Tausende vor ausländischen Botschaften. Sie hoffen, dass sich ausländische Regierungen auf dem G20 Gipfel gegen das geplante Auslieferungsgesetz aussprechen.

Startschuss für Wahlkampf der Demokraten Video-Seite öffnen

Trump findet es „langweilig“ : Startschuss für Wahlkampf der Demokraten

Die erste Hälfte des Teilnehmerfelds für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten hat den Stratschuss für die TV-Debatten gegeben. Aufgrund des großen Anzahl an Kandidaten, muss die Gruppe aufgeteilt werden US-Präsident Trump kommentierte die Debatte auf Twitter.

Topmeldungen

Müssen sie bald zum Hautarzt? Bauarbeiter in einer S-Bahn Baustelle in Frankfurt

Arbeitnehmerschutz : Baustopp droht wegen zu viel Sonne

Bis zu 2,4 Millionen Beschäftigte, die im Freien arbeiten, müssen womöglich kurzfristig zur Vorsorge zum Hautarzt. Das hätte ernste Folgen fürs Handwerk und den Baubetrieb.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.