https://www.faz.net/-gq5-7rw1c

Überführung der MH17-Opfer : Erleichterung in den Niederlanden

Ein Blumenmeer als Zeichen der Trauer: am Flughafen Schiphol bei Amsterdam Bild: AFP

Früher als erhofft ist der Zug mit den Opfern des abgeschossenen Flugzeugs MH17 in der ukrainischen Stadt Charkiw eingetroffen. Damit scheint der zuletzt kritisierte niederländische Ministerpräsident Rutte mit seiner gemäßigten Art recht behalten zu haben.

          17 Stunden, so hatte es aus der Ukraine am Montagabend zunächst geheißen, solle der Transport von Tores nach Charkiw dauern. Plötzlich ging dann doch alles einige Stunden schneller. Mit Erleichterung wurde daher in den Niederlanden am Dienstagmittag die Nachricht aufgenommen, dass der Zug mit den sterblichen Überresten von offenbar 282 der 298 Passagiere der Unglücksmaschine der Malaysia Airlines auf einem Militärgelände der von der Regierung in Kiew kontrollierten Stadt Charkiw angekommen sei.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Die ersten Opfer sollen am Mittwoch in den Niederlanden eintreffen. Das kündigte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte am Dienstag in Den Haag an. Ein Hercules-Transportflugzeug steht bereits am Flughafen von Charkiw. Nach einer ersten Untersuchung dort sollen alle Opfer in Phasen nach Eindhoven unweit der deutschen Grenze ausgeflogen und dann in den Niederlanden identifiziert werden.

          Das Hauptziel, auf das die niederländische Regierung seit Tagen hingearbeitet hat, scheint damit bereits erreicht zu sein. Die Todesopfer, darunter 193 Niederländer, befinden sich nicht mehr in dem von den prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet in der östlichen Ukraine. Die Identifizierung der Körper kann in Kürze beginnen und damit zumindest eine von vielen Ungewissheiten der trauernden Angehörigen und Freunde der Opfer genommen werden.

          Auch fünf Tage nach dem vermutlichen Abschuss der in Amsterdam unter der Flugnummer MH17 und mit dem Ziel Kuala Lumpur gestarteten Boeing 777 stehen die Niederlande indes unverändert im Bann der Ereignisse. In den Tageszeitungen des Landes erschien eine ganzseitige Anzeige, in der Ministerpräsident Mark Rutte im Namen der Regierung den Hinterbliebenen der Opfer Hilfe und Unterstützung zusagte. „Die Niederlande sind geschockt durch dieses dramatische Geschehen“¸ heißt es in der Anzeige. Sie trägt die Namen der 298 Opfer in alphabetischer Reihenfolge: vom Briten John Alder bis zum Niederländer Robert Jan van Zijtveld.

          Mit der Übergabe der Leichname scheint sich in den Niederlande auch die Diskussion gelegt zu haben, die in den vergangenen Tagen manche Gemüter erhitzt hatte. So wurde insbesondere Ministerpräsident Rutte von Kritikern vorgehalten, er schlage gegenüber dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin in diesen Tagen zu versöhnliche Töne an. Auch bei einer Sondersitzung im Parlament am Montag hatte der liberale Politiker abermals klargestellt, dass die Verantwortlichen für das Unglück zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Vorrangig sei aber das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen. „Alles was wir tun, das als eine Schuldzuweisung ausgelegt werden kann, verringert nach meiner innersten Überzeugung die Chancen dafür, die Leichname zurückzuholen und eine möglichst eingehende Klärung der Ursachen“, lautete das Credo Ruttes. Am Montag kam der Regierungschef gemeinsam mit König Willem-Alexander in Nieuwegein bei Utrecht hinter verschlossenen Türen mit rund 1000 Hinterbliebenen der Opfer zusammen. Als Rutte am Dienstag ein weiteres Mal mit Putin telefonierte, schien ihm die Entwicklung in der Ukraine recht zu geben. Aus Moskau heißt es zudem, bei der Unterredung mit Rutte sei auch ein möglicher Waffenstillstand in der Ostukraine zur Sprache gekommen.

          Auch das niederländische Staatsoberhaupt ist in den vergangenen Tagen vereinzelt in die Kritik geraten. So war König Willem-Alexander vorgeworfen worden, sich in den schweren Stunden der vergangenen Tage zu sehr abseits gehalten zu haben. Nach dem  Treffen mit den Angehörigen der Opfer meldete er sich  sichtlich gezeichnet in einer Fernsehsprache zu Wort. „In tiefster Not kommt es auf die innere Kraft, Mitgefühl und gegenseitige Verbundenheit an. Es sind jene Eigenschaften, über die unser Land in entscheidenden Augenblicken zu verfügen scheint“, sagte der König. Es war erst die dritte entsprechende Ansprache eines niederländischen Monarchen seit 1953. Damals hatte nach der verheerenden Flutkatastrophe im Südwesten des Landes Willem-Alexanders Großmutter Juliana, 2009 dann seine Mutter Königin Beatrix nach einem mörderischen Anschlag am Nationalfeiertag in Apeldoorn sich an die Landsleute gerichtet. Damals war  unter den Augen der Königsfamilie ein 38 Jahre alter Mann  mit einem Auto absichtlich in eine Gruppe von Zuschauern hineingerast, acht Menschen kamen ums Leben.

          Weitere Themen

          Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.