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Türkische Armee : Aus der Zeit des Kalten Kriegs

Drohkulisse: Panzer in Sanliufra, keine 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt Bild: Getty

Seit Wochen stehen türkische Panzer an der Grenze zu Syrien - ohne im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ einzugreifen. Dabei wird auch eines offensichtlich: Die Türkei hat zwar die zweitgrößte Streitmacht der Nato. Doch nicht nur die Ausrüstung ist völlig veraltet.

          Die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ belagern schon seit Wochen die syrisch-kurdische Stadt Kobane. In Sichtweite der heftigen Kämpfe, auf Hügeln über der Stadt haben drei Dutzend Kampfpanzer Stellung bezogen - doch die Botschaft war von Anfang an klar: Türkische Streitkräfte würden nur eingesetzt, wenn die Türkei angegriffen werden oder der Krieg auf die Türkei übergreifen sollte. Ein weiterer Grund bestünde darin, dass der IS die türkische Enklave mit dem Mausoleum von Sulaiman Schah, dem Großvater des Begründers des Osmanischen Reichs, angreifen sollte, die sich 30 Kilometer südlich der Grenze befindet und von den Kriegern des „Islamischen Staats“ umzingelt ist.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Es passt zum Zustand der türkischen Streitkräfte, dass sie gegenüber dem gefährlichsten Feind des Landes Panzer vom Typ M60 auffahren lässt. Dieser war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt worden. Während die amerikanischen Streitkräfte den M60 seit dem Golfkrieg von 1991 nicht mehr für Kampfeinsätze verwenden, stellen sie in der Türkei mit mehr als 800 Stück noch immer etwa ein Drittel des Bestands an Kampfpanzern. Ein weiteres Drittel entfällt auf die noch ältere Version M48, der allerdings modernisiert wurde. Der wichtigste Kampfpanzer ist – in drei Varianten – der Leopard.

          Der veraltete Bestand zeigt eines: Ebenso wie der M60 aus der Zeit des Kalten Kriegs stammt, ist auch die zweitgrößte Armee der Nato noch immer eine Armee aus der Zeit des Kalten Kriegs. Nicht mitgemacht hat sie Umstrukturierungen, wie sie in anderen großen Armeen der Nato erfolgt sind. Im Mai 2014 sagte der damalige Staatspräsident Abdullah Gül, die Türkei gehöre zu den wenigen Ländern, die ihre Streitkräfte „seit 1960“ nicht restrukturiert hätten. Damals, 1960, putschte die Armee zum ersten Mal – in jenem Jahr begann auch die Produktion des M60.

          Reform der Streitkräfte ist notwendig

          Am 6. April 2012 hatte Gül als erster führender Politiker überhaupt eine Umstrukturierung und Modernisierung der türkischen Streitkräfte gefordert. Die Gefahren hätten sich verändert, und viele andere Armeen in der Nato hätten sich dem bereits angepasst, sagte Gül vor der Kriegsakademie in Istanbul. Die Türkei befinde sich am Rande einer der konfliktreichsten Regionen der Welt; überfällig sei, darauf eine Antwort zu finden. Konkret forderte er die Schaffung einer Berufsarmee und die Verbesserung der Gefechtsfähigkeiten.

          Gül setzte eine Arbeitsgruppe ein, in die er Beamte und Soldaten berief. In einer seiner letzten Amtshandlungen als Präsident nahm er im vergangenen August ihren Bericht entgegen. Von den 220 Seiten wurden nur 42 veröffentlicht. Die Autoren schlagen vor, bis zum Jahr 2033 die Streitkräfte zu verkleinern, mobiler zu machen und den Anteil der Kampfeinheiten zu erhöhen; die Wehrpflicht soll abgeschafft werden; die drei Teilstreitkräfte sollen besser zusammenarbeiten. Im Vorwort schrieb Gül, die Türkei habe im vergangenen Jahrzehnt auf allen wichtigen Gebieten grundlegende Reformen durchgeführt, nicht aber bei der Landesverteidigung. Das müsse jetzt eingeleitet werden.

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