https://www.faz.net/-hox-8it1n

Terror in Istanbul : Türkische Regierung vermutet IS-Miliz hinter Anschlag

  • Aktualisiert am

Polizisten am Mittwochmorgen am Flughafen in Istanbul Bild: Reuters

Wieder erschüttert ein Anschlag die Millionenmetropole Istanbul. Ziel ist diesmal der bei vielen Reisenden beliebte Atatürk-Flughafen. Die türkische Regierung vermutet die Terrororganisation „Islamischer Staat“ hinter der Tat. Hinweise auf deutsche Opfer gibt es bislang nicht.

          5 Min.

          Die türkische Regierung vermutet die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) hinter dem Anschlag auf den Flughafen Istanbul. Die Indizien deuteten auf eine Drahtzieherschaft der Miliz hin, sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am Mittwochmorgen bei einem Besuch  am Anschlagsort. Er sprach von drei Selbstmordattentätern, zu deren Identität oder Herkunft er aber keine Angaben machte.

          Mindestens 41 Menschen sind ums Leben gekommen. Bei den Toten handelte es sich nach türkischen Regierungsangaben um 38 Opfer und die drei Selbstmordattentäter. Mindestens 230 Menschen wurden bei dem Angriff des Selbstmordkommandos auf den größten Flughafen der Türkei verletzt. Unter den Opfern seien auch Ausländer, darunter Saudis, Iraker, ein Tunesier, ein Iraner, ein Chinese, ein Ukrainer sowie ein Jordanier. Die Nationalität der Attentäter ist noch unklar.

          „Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Deutsche betroffen sind“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in der Nacht zu Mittwoch in Berlin. Das Amt arbeite gemeinsam mit den deutschen diplomatischen Vertretungen in der Türkei und den zuständigen türkischen Behörden „mit Hochdruck“ an der weiteren Klärung.

          Am Mittwochmorgen ist unterdessen ist der Luftverkehr wieder aufgenommen worden. Erste Flüge von Turkish Airlines landeten am frühen Morgen. Der Sender CNN Türk berichtete, Reisende könnten inzwischen auch wieder ins Terminal. Der Angriff sorgt allerdings für ein massives Chaos im Flugverkehr. Turkish Airlines strich für Mittwoch mehr als 340 Flüge. Die Airline bot allen Reisenden mit Buchungen von oder nach Atatürk Airport an, die Flüge kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. In der Nacht waren etliche ratlose Reisende vor dem Flughafen gestrandet, die vor den Terrorangriffen aus dem Terminal geflohen waren.

          Flüge von Berlin-Tegel nach Istanbul wird es am Mittwoch wohl keine geben. Dies sagte Flughafensprecher Lars Wagner der Deutschen Presse-Agentur. Regulär wären es am Mittwoch fünf Flüge. Ob davon noch welche stattfinden werden, sei eine Entscheidung der Fluggesellschaften. Ob es Flüge von Istanbul nach Tegel geben werde, ist laut Wagner ebenfalls noch unklar. Auch eine am Dienstagabend mit 209 Passagieren und dem Ziel Istanbul von Berlin-Tegel aus eine Stunde verspätet gestartete Maschine der Turkish Airlines erreichte ihr Ziel nicht. Ursprünglich hieß es, sie solle nach Ankara umgeleitet werden. Laut Wagner kehrte die Maschine dann aber über der Slowakei um und flog zurück nach Tegel.

          Krankenwagen, Spurensicherung, Tote und Verletzte - der Atatürk-Flughafen nach dem Selbstmordanschlag

          Nach Yildirims Angaben trafen die Attentäter am Dienstagabend mit dem Taxi am Flughafen ein. Im Terminalgebäude hätten sie dann das Feuer aus Schnellfeuergewehren eröffnet, ehe sie sich selbst in die Luft sprengten. Die Polizei habe versucht, zwei der Angreifer durch Schüsse zu stoppen, bevor sie die Kontrollstelle in der Ankunftshalle erreichten, teilten die Behörden mit. Doch die Attentäter hätten ihre Sprengsätze gezündet.

          „Es gab eine gewaltige Explosion“, berichtete Ali Tekin, der in der Ankunftshalle auf einen Fluggast wartete. „Es war sehr laut. Die Decke stürzte herab. In dem Flughafen sieht es furchtbar aus.“ Eine Frau, die gerade aus Deutschland angekommen war, erzählte, sie habe sich auf den Boden geworfen, als sie die Explosion gehört habe. „Alle sind weggerannt. Überall lagen Körperteile. Alles war voller Blut.“

          Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim ist fassungslos beim Besuch am Anschlagsort.

          Der aus Südafrika stammende Paul Roos schilderte den Angriff eines der Attentäter in der Abflughalle als „wahllose Schießerei“. „Er hat einfach auf jeden geschossen, der ihm in die Quere kam. Er war ganz in Schwarz gekleidet und nicht maskiert.“ Roos sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er sei nur 50 Meter entfernt von dem Angreifer gewesen. „Es gab zwei Explosionen - kurz hintereinander. Dann hat er aufgehört zu schießen. Er drehte sich um und kam auf uns zu. Er sah sich um, ob ihn jemand aufhalten würde, und dann lief er zum Aufzug. Wir hörten weitere Schüsse, dann noch eine Explosion, und dann war es vorbei.“

          Mängel an den Sicherheitsvorkehrungen des Flughafens, der zu den belebtesten in ganz Europa zählt, bestritt Yildirim. Aus türkischen Regierungskreisen hieß es, keiner der drei Selbstmordattentäter habe die Sicherheitsschleusen am Eingang des internationalen Terminals passiert. Augenzeugenberichte und Videos in sozialen Medien deuteten dagegen darauf hin, dass einer oder mehrere Angreifer in den Innenbereich des Terminals gelangten.

          Schockiert starren Passagiere auf den Ort des Anschlags.

          Aus Regierungskreisen hieß es weiter, zwei der Angreifer hätten sich vor dem Ankunftsbereich des Internationalen Terminals in die Luft gesprengt, ein weiterer auf dem angrenzenden Parkplatz. Einer der Angreifer sei von der Polizei beschossen worden, bevor er seine Sprengstoffweste gezündet habe.

          Die Polizei sperrte den Atatürk-Flughafen weiträumig ab. Fotos vom Anschlagsort zeigten ein Bild der Verwüstung außerhalb des Ankunftsterminals, wo Passagiere normalerweise auf Taxis warten. Auf einem Foto war ein auf dem Boden liegendes Schnellfeuergewehr zu sehen.

          Die türkische Spurensicherung untersucht den Tatort.

          Der Flugverkehr wurde vorübergehend komplett eingestellt. Der Atatürk-Flughafen - der in etwa ein Passagieraufkommen wie der Airport Frankfurt/Main hat - liegt auf der europäischen Seite Istanbuls. Auf der asiatischen Seite der Millionenmetropole liegt der kleinere Flughafen Sabiha Gökcen.

          Erdogan ruft zum gemeinsamen Kampf auf

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kam in Ankara zu einem Krisentreffen mit Ministerpräsident Yildirim und Armeechef Hulusi Akar zusammen. Der Anschlag auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul ziele darauf, die Türkei zu untergraben, sagte Erdogan in der Nacht zu Mittwoch. „Es ist eindeutig, dass dieser Angriff keinen anderen Zweck hat, als Propaganda gegen unser Land zu schaffen.“ Dazu werde das Blut unschuldiger Menschen vergossen und Angst verbreitet. Er erwarte, dass die Weltgemeinschaft eine „entschlossene Haltung“ gegenüber Terrorgruppen einnehme, hieß es in der Erklärung des Präsidenten. „Jeder soll wissen, dass die Terrororganisationen nicht unterscheiden zwischen Istanbul und London, Ankara und Berlin, Izmir und Chicago, Antalya und Rom.“

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Opfern des Selbstmordanschlags am Atatürk-Flughafen in Istanbul ihre Anteilnahme ausgesprochen. Sie sei erschüttert über „diese neuen und hinterhältigen Akte des Terrorismus“, sagte Merkel am späten Dienstagabend am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Gleichzeitig solidarisierte sich die Bundeskanzlerin mit den Türken: „Ich möchte dem ganzen türkischen Volk von hier aus sagen, dass wir uns im Kampf gegen den Terrorismus vereint sehen und uns gegenseitig unterstützen werden.“ Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich entsetzt. Am Rande eines Fastenbrechens in Berlin mit Christen, Juden und Muslimen sagte er: „Wir stehen an der Seite der Türkei.“

          Türkische Polizisten riegeln den Eingangsbereich des Flughafens ab.

          Auch die Regierungen der Vereinigten Staaten und Frankreichs verurteilten den Terrorangriff. „Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Getöteten, und wir wünschen den Verletzten eine baldige Genesung“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, am Dienstagabend (Ortszeit) in einer Mitteilung. Die Vereinigten Staaten stünden fest an der Seite der Türkei. Man werde den Kampf gegen die terroristische Bedrohung fortsetzen.

          Gleichzeitig sind an den New Yorker Flughäfen die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden. Schwer bewaffnete zusätzliche Sicherheitsteams würden deutlich sichtbar an den Flughäfen La Guardia und John F. Kennedy sowie Newark im Nachbarbundesstaat New Jersey patrouillieren, teilte die zuständige Behörde Port Authority am Dienstag (Ortszeit) mit. Zuvor hatte die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA sämtliche Flüge nach Istanbul gestrichen. Auch Flüge aus Istanbul in die Vereinigten Staaten waren von der Maßnahme betroffen

          Krankenwagen rasen am Dienstagabend zum Istanbuler Flughafen Atatürk.

          Ministerpräsident Yildirim erinnerte derweil an das IS-Attentat auf den Brüsseler Flughafen im März, bei dem 16 Menschen getötet wurden. Der Anschlag auf den Atatürk-Flughafen zeige einmal mehr, dass der Terrorismus eine weltweite Bedrohung sei, sagte Yildirim. „Dieser Angriff, der auf unschuldige Menschen zielte, ist ein abscheulicher, geplanter Terrorakt.“

          In der Türkei häufen sich in jüngster Zeit die Attentate. Zu einigen bekannte sich die IS-Miliz, gegen die die Türkei im Rahmen der amerikanisch-geführten Allianz kämpft. Zwei Anschläge mit Autobomben in der Hauptstadt Ankara werden kurdischen Extremisten zugeschrieben. Bei einem IS-Selbstmordanschlag im Istanbuler Zentrum waren im Januar zwölf deutsche Urlauber getötet worden.

          Neben dem IS verübt auch die Tak - eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK - immer wieder Anschläge in türkischen Metropolen. Vor drei Wochen erst waren bei einem Anschlag der Tak in Istanbuls Stadtmitte elf Menschen getötet worden. Dieses Attentat vom 7. Juni war der dritte schwere Anschlag seit Jahresbeginn im Zentrum Istanbuls. Die TAK hat auch ausländische Urlauber vor Türkeibesuchen gewarnt. Im vergangenen Dezember hatte die Gruppierung einen Mörserangriff auf den Flughafen Sabiha Gökcen verübt.

          Weitere Themen

          Parlament stimmt für seine Auflösung

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.

          Lügt Trump oder Lawrow? Video-Seite öffnen

          Widersprüchliche Aussagen : Lügt Trump oder Lawrow?

          Während das Weiße Haus nach dem Treffen mit dem russischen Außenminister erklärte, Trump habe Moskau dabei vor einer russischen Einmischung in die Präsidentschaftswahl 2020 gewarnt, sagte Lawrow, das Thema Wahlbeeinflussung sei gar nicht angesprochen worden.

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.