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Präsidentschaftswahl in der Türkei : Der Kurde ist König

Warum Demirtaş nur mangelhaft Kurdisch spricht

Doch wie laufen diese Audienzen auf Imrali eigentlich ab? Gibt es eine Diskussion über die richtige Strategie, oder gibt Öcalan einfach nur Befehle, die dann befolgt werden müssen? „Herr Öcalan hat meist eine Tagesordnung, und wir haben auch eine. Wir setzen uns zusammen und diskutieren über alle Punkte. Natürlich sind die Delegation und Herr Öcalan nicht immer einer Meinung. Auch darüber wird dann diskutiert“, schildert Demirtaş seine Besuche auf der bis 1923 griechisch besiedelten Insel im Marmarameer. Immer sei ein Aufpasser vom türkischen Staat dabei. „Vertraulich können wir nicht sprechen – aber wir haben auch nicht das Bedürfnis danach“, beteuert Demirtaş. Außerdem fielen auf Imrali ohnehin keine endgültigen Entscheidungen. „Wir diskutieren, und mit den Ergebnissen kehren wir zur Partei auf das Festland zurück, um weiter darüber zu sprechen.“ Wenn es ein Machtwort zu sprechen gilt, kann das allerdings weiterhin nur Öcalan tun, das gibt Demirtaş zu. Der PKK-Führer genieße weiterhin die größte Unterstützung der kurdischen Bevölkerung. „Daher wird es keinem anderen Politiker gelingen, ihn zu verdrängen.“ Demirtaş hat zwar in den vergangenen Wochen mehrfach beteuert, dass es kein Zurück zu den Zeiten des bewaffneten Konflikts gebe, doch im Gespräch schränkt er die Aussage wieder ein: „Als Politiker stehe ich hinter diesen Worten, denn ich bin gegen Gewalt zur Lösung politischer Konflikte. Aber über die Frage, ob die Waffen ruhen sollen oder nicht, entscheiden letztlich die PKK und Herr Öcalan.“

Beim Wahlkampf auf dem Kölner Neumarkt

Anders als Erdogan achtet Demirtaş in Köln sorgsam darauf, nicht zu provozieren. Er äußert sich politisch korrekt zu Fragen des Zusammenlebens von Einwanderern, Neudeutschen und Altdeutschen: „Es geht um eine Balance zwischen Integration und Bewahrung eigener Wurzeln, damit nicht bestimmte gesellschaftliche Gruppen in Parallelwelten abgleiten, die vom Rest der Gesellschaft abgekapselt sind.“ Erdogans berühmte Aussage, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei und Türken in Deutschland erst Türkisch und dann Deutsch lernen sollen, entlockt Demirtaş ein spöttisches Lächeln: „Ich wäre froh, wenn Herr Erdogan diese Haltung auch gegenüber den Kurden in der Türkei einnähme. Der türkische Staat hat jahrzehntelang eine systematische Assimilationspolitik gegenüber den Kurden betrieben, und auch heute wird die kurdische Sprache im Bildungswesen teilweise ausgegrenzt.“ Demirtaş ist selbst Opfer dieser Zwangsassimilation. Er spricht nur mangelhaft Kurdisch und versucht, seine Kenntnisse in Privatkursen zu verbessern. Politische Gespräche führt er ausnahmslos auf Türkisch – ein Ergebnis der jahrzehntelangen Unterdrückungspolitik Ankaras.

„Für Vielfalt und bürgerliche Freiheiten“

Zwar sind die Kurden immer noch keine gleichberechtigten Bürger der Türkei, doch viele der gröbsten Ungerechtigkeiten wurden in den vergangenen Jahren beseitigt, unter der Regierung Erdogan wohlgemerkt. Seit der Einführung des kurdischsprachigen Staatssenders TRT 6 können die Kurden Ankaras Erdogan-Propaganda sogar in ihrer Muttersprache verfolgen. Kurdische Studienfächer gibt es ebenfalls, und bei der ersten Direktwahl des Staatspräsidenten nun erstmals auch einen Kurden, der sich um das höchste politische Amt der Türkei bewirbt. Demirtaş bezeichnet seine Kandidatur als Etappe einer langfristigen Oppositionsstrategie. „In der Türkei ist um Erdogan eine Struktur entstanden, die nicht demokratisch gesinnt ist. Die Oppositionsparteien CHP und MHP sind ebenfalls nicht demokratisch gesinnt, sie sind rückständig und leben in einer Türkei, die es seit 30 Jahren nicht mehr gibt“, beschreibt er die politische Landschaft der Türkei. Derzeit versuchen beide Lager, Demirtaş für eine mögliche Stichwahl auf ihre Seite zu ziehen – der Kurde ist König. Zumindest ist er potentieller Königsmacher.

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