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Türkische Militäroffensive : Will Ankara Kurden aus der Pufferzone verdrängen?

Gefechtsbereit: Türkisches Militär patrouilliert entlang der Grenze zu Syrien Bild: dpa

Die Kurden in Syrien und der Türkei misstrauen Ankaras Plänen, eine entmilitarisierte Pufferzone im Norden Syriens zu errichten. Ihre Angst: Nicht der „Islamische Staat“, sondern die Kurden sind eigentliches Ziel der Militäroperation.

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          Es war ein warmer Nachmittag im September vergangenen Jahres, als Zühal Ekmez sich in Rage redete. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erhob die Bürgermeisterin der kurdisch dominierten türkischen Grenzstadt Suruc schwere Vorwürfe gegen die Regierung in Ankara. Die Türkei habe es darauf abgesehen, mit Hilfe der Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) die drei autonomen kurdischen Gebiete im Norden Syriens zu zerstören, behauptete Zühal Ekmez. Die seit Jahren von der Türkei vorgebrachte Forderung nach der Einrichtung einer entmilitarisierten Pufferzone im Norden Syriens sei in Wirklichkeit nur der schlecht getarnte Versuch, Rojava („Westkurdistan“, wie die Kurden ihre aus dem Zerfall des syrischen Staates entstandenen autonomen Gebiete nennen), zu zerstören.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          „Für die Kurden hier in der Türkei ist Rojava ein Modell. Man möchte den kurdischen Widerstand ersticken, indem man Rojava vernichtet“, so die Bürgermeisterin. Ähnlich argumentierten viele kurdische Politiker, und sie tun das bis heute. Das Argument lautet ungefähr so: Die Türkei hat etwa zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Viele dieser Flüchtlinge sind Araber. Ankara plane, die arabischen Flüchtlinge im Norden Syriens anzusiedeln, um die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung dort, wo die Kurden am stärksten sind, dauerhaft und umfassend zu ändern.

          Erdogan war außer sich vor Wut

          Plant Ankara also entkurdisierte Pufferzonen an seiner Südgrenze? An Aussagen führender türkischer Politiker, die eine solche Sichtweise zumindest plausibel erscheinen lassen, mangelt es nicht. Die türkische Forderung nach der Einrichtung von entmilitarisierten Pufferzonen in Syrien besteht seit 2011, sie ist damit fast so alt wie der syrische Konflikt selbst. Wer alte Reden von Recep Tayyip Erdogan – vormals Regierungschef, jetzt Staatspräsident der Türkei – noch einmal liest, wird rasch fündig werden. Im Oktober 2014 etwa sagte Erdogan vor Studenten der Istanbuler Marmara-Universität, die Einrichtung einer Flugverbots- und Pufferzone im Norden Syriens sei von zentraler Bedeutung für die Befriedung des Nachbarstaates. In einer solchen Zone könnten dann auch die syrischen Flüchtlinge angesiedelt werden, die sich derzeit in der Türkei aufhalten.

          Die Debatte nahm einen neuen Aufschwung, als kurdische Freischärler in Syrien in diesem Juni mit amerikanischer Luftunterstützung einen großen Erfolg im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ errangen. Am 15. Juni vertrieben kurdische Einheiten den IS aus der Stadt Tal Abyad. Was in Washington als großer Erfolg bezeichnet wurde, sorgte in Ankara für Wut. Tal Abyad sei „ein großartiges Beispiel“ für das Zusammenwirken von (amerikanischen) Luftschlägen und (kurdischen) Bodentruppen, sagte ein Pentagon-Sprecher. Erdogan dagegen, der nach einer kurzen rhetorischen Schwächephase in den ersten Tagen nach der Niederlage seiner Regierungspartei AKP bei der Parlamentswahl am 7. Juni rasch wieder zu alter Schärfe zurückfand, war außer sich, denn in Ankara interpretierte man die Bedeutung des Machtwechsels von Tal Abyad anders.

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