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Türkei : Kampf gegen die Soldaten des Lichts

Einst Partner, nun Rivale von Ministerpräsident Erdogan: Prediger Gülen Bild: REUTERS

Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen stand lange an der Seite des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Doch das einstige Zweckbündnis ist in offene Feindschaft umgeschlagen – und beiden Seiten ist jedes Mittel recht.

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          Damals in Edirne ahnte noch niemand, dass der schmächtige Imam aus Ostanatolien, den das Staatliche Amt für Religionsangelegenheiten zum Predigen in ihre Stadt geschickt hatte, einer der einflussreichsten Denker der muslimischen Welt werden sollte. Gewiss, der junge Mann, der 1959 in der türkischen Provinzstadt an der Grenze zu Bulgarien und Griechenland aufgetaucht war, sprach schön und klar. Es war ein Vergnügen, ihn anzuhören, wenn er in der Moschee darüber predigte, dass der Islam sich erneuern müsse und der Kommunismus das Erzübel der Menschheit sei. Aber wie hätte jemand vorhersehen sollen, dass Fethullah Gülen einige Jahrzehnte später an der Spitze einer mächtigen Bewegung mit mehreren Millionen Anhängern stehen sollte?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Gülen-Bewegung ist heute ein auf fast allen Kontinenten tätiger Weltanschauungskonzern. Finanziert durch eigene Einnahmen und Spenden reicher Unternehmer oder Gönner, betreibt sie Schulen, Akademien und andere Bildungseinrichtungen in zahlreichen Ländern zwischen den Vereinigten Staaten und Zentralasien, gebietet über Zeitungen, Fernsehsender, Beratungsfirmen, Lobbygruppen. Allein in Deutschland gibt es etwa 300 der Bewegung nahestehende Vereine und zwei Dutzend staatlich anerkannte Privatschulen. In der Türkei hat sie ihre Anhänger in hohen Positionen bei der Polizei und im Justizwesen installiert. Als „Soldaten des Lichts“ im Kampf gegen die Finsternis hat Gülen seine Anhänger einmal bezeichnet. Es ist eine mächtige Armee.

          Machtkampf innerhalb der islamischen Elite

          Doch ausgerechnet im Land ihrer Entstehung gerät die Bewegung in jüngster Zeit immer stärker unter Druck. Viele Jahre lang standen die „Gülenisten“ an der Seite des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner im Islam verwurzelten Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP). Beide hatten einen gemeinsamen Gegner: das einst allmächtige türkische Militär. Inzwischen ist die Vorrangstellung der türkischen Armee jedoch gebrochen – und das Zweckbündnis zwischen den Anhängern Erdogans und den Jüngern Gülens ist in Misstrauen, zum Teil sogar offene Feindschaft umgeschlagen. Die „Soldaten des Lichts“ haben sich von Erdogan abgewandt – und er von ihnen. Während die Medien der Gülen-Bewegung, so die Tageszeitung „Zaman“, weiterhin fest zu Staatspräsident Abdullah Gül stehen, dem zweiten Mann der AKP, häufen sich kritische Beiträge über Erdogan.

          Der türkische Ministerpräsident Erdogan holt zum Gegenschlag aus
          Der türkische Ministerpräsident Erdogan holt zum Gegenschlag aus : Bild: AP

          Hintergrund ist ein im Ausland wenig wahrgenommener Machtkampf, der dieses Mal nicht zwischen Kemalisten und der neuen islamischen Elite, sondern innerhalb der islamischen Elite selbst ausgetragen wird. „AKP und Gülen-Bewegung bezeugen, dass eine muslimische Mittel- und Oberschicht entstanden oder im Entstehen begriffen ist, die nicht mehr die politische Konfrontation mit dem kemalistischen Staat sucht, sondern ihre Anhänger in die bestehenden Staats- und Wirtschaftsstrukturen integrieren und Staat und Gesellschaft auf diese Weise allmählich umbauen will“, schreibt der deutsche Türkei-Fachmann Günter Seufert dazu in einer dieser Tage erschienenen Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik („Überdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen? Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur“). AKP und Gülen-Bewegung vertrauten „auf die wirtschaftliche Dynamik, die die muslimisch-konservative Bevölkerung entfesselt. Beide haben, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, ihre eigene Bildungselite hervorgebracht“, stellt Seufert fest, „beide teilen die Vision, den Einfluss ihres Landes in der Region und weltweit auszubauen.“ Jetzt, da die islamischen Verbündeten den Machtkampf gegen „Säkularisten“, „Kemalisten“, gegen Militär und Justiz der alten Herrschaftsschicht für sich entschieden haben, brechen Konflikte um die Aufteilung der Beute aus.

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