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Türkei : Explosive Stimmung

Das bedeutet Krieg: Der türkische Soldat Mehmet Yavuz Nane wird am Freitag in Gaziantep zu Grabe getragen. Bild: AFP

Aus Sicht Ankaras sind der „Islamische Staat“ und die PKK gleichermaßen gefährlich. Eine Aussöhnung mit den Kurden im Land ist durch neue Gewalt in Gefahr.

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          Ekrem Güzeldere zeichnet ein düsteres Bild: „Die Türkei zahlt jetzt für eine falsche Syrien-Politik. Da sie den Islamischen Staat (IS) so lange ungestört gewähren ließ, hat er sich in der Türkei stark ausgebreitet, mit Zellen und Rekrutierungsstätten im ganzen Land. Deshalb hat ein Vorgehen gegen den IS sofort terroristische Anschläge zur Folge“, sagt der in Istanbul arbeitende Politikwissenschaftler. Da für den Anschlag in der Grenzstadt Suruc am Montag mit mehr als 30 Todesopfern „bereits einige vorherige Verhaftungen“ von mutmaßlichen IS-Terroristen beziehungsweise Unterstützern ausgereicht hätten, seien weitere Anschläge zu befürchten, sollte die Türkei jetzt in direkte Gefechte mit dem IS treten.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Tatsächlich ist die Furcht groß, dass die Auswirkungen des syrischen Staatszerfalls, die das Land bisher nur an seinen südlichen Rändern gewaltsam zu spüren bekam, in Form von Anschlägen nun auch ins Landesinnere vordringen werden, auf den Taksim-Platz oder den Atatürk-Flughafen in Istanbul beispielsweise.

          „Warum kommt es erst so spät zu diesen Verhaftungen?“

          Güzeldere stellt eine Frage, die in der Debatte seit dem Anschlag von Suruc oft zu hören ist: Wenn die Rekrutierungsorte des IS in der Türkei der lokalen Bevölkerung bekannt seien, werde sie sicher auch der türkische Geheimdienst kennen – das zeigten schließlich die raschen Razzien und Verhaftungen in zahlreichen Städten des Landes am Freitag. „Man könnte also fragen – warum kommt es erst so spät zu diesen Verhaftungen?“, so Güzeldere.

          Tatsächlich war es zumindest bemerkenswert, dass die türkische Polizei am Freitag mit mehreren tausend Einsatzkräften allein in Istanbul an mehr als 100 Stellen der Stadt Razzien ausführte und nach offiziellen Angaben mehr als 250 Personen festnahm. Die Festgenommenen stehen laut Darstellung der Regierung im Verdacht, dem IS oder der kurdischen Terrororganisation PKK anzugehören. Nach Lesart Ankaras sind beide Organisationen gleichermaßen gefährlich für die Stabilität der Türkei. Auch in Ankara wurden 14 Terrorverdächtige Personen verhaftet – neun mutmaßliche IS-Kämpfer und fünf von der PKK. Dass nun oft gefragt wird, warum es zu Razzien und Festnahmen dieses Ausmaßes nicht schon früher kam, liegt nahe.

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          Statt einer direkten Antwort, die unweigerlich nahe an die Grenze zum Reich der Verschwörungstheorien führen muss, lenkt Güzeldere die Aufmerksamkeit auf den Umstand, dass in der Türkei sogar schreckliche Verbrechen wie das Massaker von Suruc nicht dazu führen, dass die Gesellschaft unter dem Eindruck des Blutvergießens näher zusammenrückt. „Im Gegenteil, die gesellschaftlichen Gräben vertiefen sich sogar noch, in der Politik ebenso wie in der Bevölkerung“, stellt Güzeldere fest. So habe die Regierung, anders als etwa nach dem Tod des saudischen Königs im Januar, keine Staatstrauer ausgerufen, während sich in den sogenannten sozialen Medien die politischen Gruppierungen gegenseitig beschuldigen, für die Bluttat von Suruc verantwortlich zu sein.

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