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Schulz in der Türkei : Kein Volk von Untertanen

Zerstörter Innenhof: In Istanbul ist nach dem Putsch vieles anders Bild: Thomas Gutschker

Die Beziehungen zwischen Ankara und der EU erreichten nach dem Putschversuch einen Tiefpunkt. So kann es nicht weitergehen, aber wie dann? EU-Parlamentspräsident Martin Schulz testete es diese Woche aus. Thomas Gutschker hat ihn begleitet.

          8 Min.

          Der Nachthimmel legt sich über Ankara, als Martin Schulz zum ersten Mal innehält an diesem Tag. Es ist der Moment, in dem er, der Präsident des Europäischen Parlaments, erst richtig fühlt, was er davor immer wieder gesagt hatte: dass der Putschversuch Mitte Juli ein Anschlag auf die Demokratie war, auf die Würde des türkischen Volkes.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Schulz steht in einem Innenhof des türkischen Parlaments, der Großen Nationalversammlung. Unter seinen Schuhen knirscht es, Glasscherben drücken gegen die Sohlen. Sein Blick wandert über die Fassaden, oder besser: das, was davon noch übrig ist. Die Verkleidung ist heruntergefallen, Fenster sind zerborsten, Rahmen baumeln in der Luft. Im zweiten Stock klafft ein großes Loch im Beton.

          Dorthin zeigt der ältere Herr neben ihm, ein Mann mit schlohweißem Haarkranz und Oberlippenbart. Ismail Kahraman, der Präsident des türkischen Parlaments. „Da ist mein Büro“, erklärt er seinem Gast mit sanfter Stimme, „alles wurde zerstört.“ Es war 2.42 Uhr am Morgen des 16. Juli, als die Rakete einschlug. „Zwanzig Meter weiter und sie hätte direkt das Plenum getroffen“, sagt Kahraman. Schulz steht wie angewurzelt da. Er schluckt.

          Ein Angriff auf die Demokratie

          Vielleicht läuft jetzt der Film in seinem Kopf ab, den er vor der Reise gesehen hat und den in der Türkei fast jeder kennt: ein Video aus dem Plenarsaal, aufgenommen in jener Nacht. Um zwanzig vor zwei hatten sich die Abgeordneten versammelt, um den Putsch zu verurteilen, der vier Stunden zuvor begonnen hatte. Viele hielten ihre Mobiltelefone hoch, um den historischen Moment zu filmen. Auf dem Video hört man Applaus, dann plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall, die Kamera fliegt durch die Luft. Das war der Einschlag, dessen Folgen Schulz nun mit eigenen Augen sieht. Der Angriff auf die Demokratie.

          „Wir haben die Sitzung nicht abgebrochen, obwohl weiter Bomben fielen und das Parlament beschossen wurde“, führt Kahraman aus. „Alle haben Ja gesagt zur Demokratie, Nein zum Putsch, ohne irgendwelche Parteiabzeichen. Wir trugen nur die demokratische Türkei als Parteiabzeichen.“ Und schließlich: „Diese dunkle Nacht hat gezeigt, dass das türkische Volk die Demokratie verinnerlicht hat.“

          Es sind keine spontanen Formulierungen, Kahraman hat das schon oft gesagt. Er zählt beiläufig die Parteien auf, die jetzt alle eins seien, seine eigene, die AKP sowie die Opposition von MHP und CHP. Eine Partei erwähnt er nicht, die prokurdische HDP. Schulz hat eine Antenne für so etwas, aber er schweigt.

          „Verachtenswert“

          Er nickt leise, als Kahraman erklärt, dass sie einen „Pfad der Demokratie“ anlegen wollen, vom Innenhof hinaus in den Garten hinter dem Parlament. Dort hinterließ eine weitere Rakete einen Krater. Drei Treffer bekam das Parlament in jener Nacht ab, es gab Verletzte, aber keine Toten.

          Es ist nun an Schulz, etwas zu sagen. „Eine militärische Macht, die frei gewählte Abgeordnete angreift, die ist verachtenswert“, spricht er langsam, ohne den sonst üblichen rheinischen Singsang. Er wendet sich zu Kahraman, sie berühren sich beinahe: „Ich wollte Ihnen noch meine große Bewunderung, meinen Respekt für diese Leistung zum Ausdruck bringen.“ Dann legt Schulz einen Blumenkranz in den Schutt, er lehnt ihn an eine Betonschale. Damit sind es schon zwei Kränze, denn EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos war ein paar Stunden früher da.

          Die türkischen Kameraleute richten ihre Objektive auf die weißen Blumen. Es sind wichtige Bilder – für die Türken und für die Europäer. Sie sollen Zwietracht und Zorn vertreiben.

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