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Anschlag in der Türkei : Das Muster des Terrors

Ort des Anschlags: Rettungskräfte am Samstagabend in den Gassen von Gaziantep. Bild: AFP

Nach dem Anschlag in der Osttürkei erhebt die oppositionelle HDP Vorwürfe gegen die Regierung. Doch auch Erdogan spricht nun offen aus, wen er hinter der Tat vermutet.

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          Wenige Stunden, bevor ein Selbstmordattentäter in der südtürkischen Stadt Gaziantep am Samstagabend mindestens 50 Menschen mit in den Tod riss, leitete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Beratung mit anderen Führern der türkischen Staatsspitze zu Sicherheitsfragen in Istanbul. Das Treffen, an dem unter anderen Ministerpräsident Binali Yildirim und Generalstabschef Hulusi Akar teilnahmen, dauerte fast dreieinhalb Stunden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Öffentlichkeit von den auf solchen Treffen besprochenen Themen nichts oder kaum etwas erfährt, und so gab es auch in diesem Fall nur dürre offizielle Mitteilungen über die Zusammenkunft.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es sei „um die Entwicklungen im Norden Syriens“ sowie den „Antiterrorkampf“ gegen die kurdische Terrororganisation PKK nach deren jüngsten Angriffen auf staatliche Sicherheitskräfte in Südostanatolien gegangen, hieß es nach der Sitzung. Zudem habe man über den „gülenistschen Terrorkult Fetö“ beraten, der nur in der Türkei als terroristisch eingestuften Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der laut Ankaraner Lesart den versuchten Militärputsch vom 15. Juli orchestriert haben soll. Davon, dass außer über die PKK und „Fetö“ auch über den Terror des „Islamischen Staates“ (IS) gesprochen wurde, findet sich zumindest in den Meldungen, die regierungstreue Medien über die Beratungen verbreiteten, nichts.

          Terroranschlag hatte ein bekanntes Muster

          Nur Stunden nach der Sitzung ereignete sich ein schwerer Terroranschlag im Südosten der Türkei. Das Muster war schon aus der Zeit davor bekannt. Nach allem, was am Sonntag darüber in Erfahrung zu bringen war, lässt sich das Blutbad in Gaziantep in extremer Verkürzung mit vier Worten zusammenfassen: Täter unbekannt, Opfer Kurden. Anderseits gilt auch, was der ehemalige schwedische Außenminister Carl Bildt am Sonntag twitterte: „Kein europäisches Land ist so von Terrorismus betroffen wie die Türkei. Sie braucht unsere Unterstützung.“

          Wie stets nach Anschlägen konnte am Tag nach der Tat über die Hintergründe zunächst nur spekuliert werden, waren wahrscheinliche von möglichen oder wenig plausiblen Szenarien vorsichtig zu trennen. Einige Tatumstände galten aber schon wenige Stunden nach dem Massaker als gesichert: Ein Selbstmordattentäter, offenbar ein Junge zwischen zwölf und 14 Jahren, sprengte sich am Samstag inmitten einer kurdischen Hochzeitsfeier in die Luft. Da unter den vielen Verletzten auch einige mit potentiell tödlichen Wunden in die Krankenhäuser der Stadt eingeliefert wurden, bestand wie stets in solchen Fällen die Gefahr, dass die endgültige Zahl der Todesopfer noch höher ausfallen werde als die ursprünglich gemeldete.

          Es war die vornehmlich von Kurden, aber auch von einem Teil der türkischen Linken unterstützte „Demokratische Partei der Völker“, die HDP, die sich am ausführlichsten zu dem Anschlag äußerte. Das lag daran, dass die Opfer des Anschlags in dem Stadtteil Akdere des Bezirks Sahinbey von Gaziantep nicht nur Kurden, sondern, zumindest laut HDP, auch „Parteimitglieder“ waren. In einer am Sonntag verbreiteten Stellungnahme erinnerte die Partei des türkischen Oppositionsführers Selahattin Demirtas daran, dass der Angriff von Gaziantep auffällig an frühere Vorfälle erinnerte, bei denen ebenfalls Kurden die Opfer waren.

          HDP sieht Verbindungen zu früheren Vorfällen

          Besonders hob die HDP die Anschläge von Suruc und Ankara im Juli beziehungsweise Oktober des vergangenen Jahres hervor. In Suruc, einer kurdisch dominierten türkischen Stadt an der Grenze zu Syrien, waren am 20. Juli mehr als 30 zumeist junge Menschen ums Leben gekommen, als sich ein mutmaßlich vom IS gedungener (kurdischer) Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Bei den Opfern handelte es sich um Kurden und linksorientierte Türken, die in der syrischen „Schwesterstadt“ von Suruc, dem auf der anderen Seite gelegenen, weitgehend zerstörten Grenzort Kobane, Wiederaufbauarbeit hatten leisten wollen. Kobane war unter weltweiter Aufmerksamkeit von kurdischen Freischärlern gegen die angreifenden Terroristen des IS verteidigt und gehalten worden. In Ankara waren es im Oktober 2015 wiederum Kurden und linksgerichtete Türken, auf die während einer Friedensdemonstration in kurzer Folge zwei Sprengstoffanschläge verübt wurden, die mehr als 100 Menschen töteten. Auch hier wurde der IS als Täter ausgemacht.

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