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Türkische Gewerkschaften : Gefährliche Unzufriedenheit

Gegen schwache Gewerkschaften: Arbeiter streiken auf dem Fabrikgelände von Tofas, das Fiat und der türkischen Koc-Holding gehört. Bild: AFP

In der westtürkischen Industriestadt Bursa stören Streiks den Wahlkampf der Regierungspartei AKP – und beleuchten die düsteren Zustände hinter dem türkischen Wirtschaftswachstum.

          Wenn Arbeiter streiken, ist das zumindest in Industriestaaten selten eine aufregende Nachricht. Wenn Arbeiter für das Recht streiken, aus einer Gewerkschaft auszutreten, dagegen schon. So etwas spielt sich seit Mitte Mai in der Millionenstadt Bursa im Nordwesten der Türkei ab. Vor allem für die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) sind die Streiks in Bursa, wo seit den siebziger Jahren das Zentrum der türkischen Automobilindustrie entstanden ist, eine unwillkommene Entwicklung.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Schließlich stehen am 7. Juni Parlamentswahlen an, und die Regierungspartei verdankte ihre Popularität in den vergangenen zwölf Jahren vor allem dem stetigen, in einigen Jahren geradezu stürmischen Wirtschaftsaufschwung. Die Proteste in Bursa sind ein weiteres Zeichen dafür, dass dieser Aufschwung an Tempo verliert und die Verteilungskämpfe heftiger werden.

          In einer für die AKP seit den Protesten um den Gezi-Park vor zwei Jahren typischen Manier reagierte der stellvertretende Ministerpräsident Ali Babacan, eigentlich einer der vernünftigen Männer der Regierungspartei, mit einer Verschwörungstheorie auf die Ereignisse in Bursa: „Wir hegen Zweifel, ob das nur eine Angelegenheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist oder ob ein ideologischer Grund dahinter steht. Der Zeitpunkt dieser Proteste ist vielsagend.“ Tatsächlich hatte sich schon seit Wochen angedeutet, dass es in Bursa zu einem Konflikt zwischen Autokonzernen und Arbeitern kommen könnte.

          Hinter den Erwartungen der Arbeitnehmer

          Der Zorn der Streikenden richtet sich vor allem gegen einige ihrer Gewerkschaften, denen sie zu große Nähe zu den Arbeitgebern vorwerfen. Diese Gewerkschaften, so der Kern der Vorwürfe, seien verkappte Arbeitgeberverbände. Bezeichnend sind die Berichte über Fälle, in denen Arbeiter nicht etwa deshalb entlassen wurden, weil sie einer Gewerkschaft beitreten, sondern weil sie aus ihr austreten wollten.

          Auch westliche Konzerne sind Teil des Konflikts in Bursa, denn die großen Autofabriken der Stadt und viele Zulieferer sind Gemeinschaftsunternehmen. Oyak-Renault, die größte Autofabrik der Türkei, ist ein Joint Venture zwischen dem französischen Autobauer und dem Rentenfonds der türkischen Armee. Der Hersteller Tofas gehört Fiat und der einheimischen Koc-Holding, die bei Ford Otosan in der benachbarten Provinz Koaceli ebenfalls eine führende Rolle spielt. Auch Zulieferer wie Bosch-Fren, der Bremssysteme produziert, kooperieren mit lokalen Partnern.

          Begonnen hatte die Streikwelle Mitte Mai bei Oyak-Renault, wo mehrere tausend Arbeiter in den Ausstand traten. Dann ergriff sie vorübergehend auch Fiat, Ford und ein halbes Dutzend Zulieferer in der Region, bis sie schließlich auch andere Teile des Landes erreichte, so einen Traktorenhersteller in Ankara. Die Belegschaft von Oyak-Renault protestiert gegen einen Tarifabschluss, der weit hinter den Erwartungen der Gewerkschaftsmitglieder zurückgeblieben war.

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