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Erdogan : Angst vor dem Prediger

Verwendet in Reden oft mehr Zeit auf die Gefahr durch Fethullah Gülen als durch den „Islamischen Staat“: Recep Tayyip Erdogan Bild: AFP

Der türkische Präsident Erdogan und Gülen hatten einst die gleichen Ziele. Seit Ende 2013 tobt zwischen den beiden ein Krieg – und die Angst Erdogans vor dem Prediger trägt paranoide Züge.

          5 Min.

          Ob sie sich jemals persönlich begegnet sind, ist nicht bekannt. Aber sie haben sich zwei Jahrzehnte gut ergänzt: Recep Tayyip Erdogan wurde der Politiker der „schwarzen Türken“, und Fethullah Gülen war ihr Prediger. Ihre Namen stehen für den Aufstieg der anatolischen Türken, auf die die reichen und gebildeten Städter aus Istanbul und Ankara, die „weißen Türken“, so lange mit Verachtung geblickt hatten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Erdogans politisches Talent führte sie in Ankara an die Macht, und Gülens zeitgemäße Auslegung des Islams führte sie zu Bildung und Wohlstand. Diese Geschichte ist vergangen und vergessen. Denn seit Ende 2013 tobt zwischen beiden ein Krieg. Dabei verfügt Erdogan über die größeren Heere. Nacheinander zerschlagen seine Soldaten, also die in seinem Namen Recht sprechen, die Unternehmen, Universitäten und Medien, die sich zu Gülen bekannt haben.

          Erdogan kann seine Anhänger direkt ansprechen

          In den neunziger Jahren wirkte Erdogan in Istanbul als Oberbürgermeister, und Gülen scharte bei seinen Predigten in Izmir immer mehr Leute um sich. 1999 schienen beide am Ende. Erdogan musste wegen eines Gedichts, das er rezitierte, vier Monate in Haft; die Strafe war mit einem lebenslangen Politikverbot verbunden. Gülen wiederum musste in den Untergrund, weil ihn das damals noch mächtige Militär ausschalten wollte, und so setzte er sich 1999 in die Vereinigten Staaten ab, wo er seither in einer abgeschiedenen Gegend Pennsylvanias lebt. Über die elektronischen Medien steht er weiter mit seiner Gefolgschaft in der Türkei und der ganzen Welt in Verbindung. Während der charismatische Redner Erdogan seine Anhänger direkt ansprechen kann, ist das dem charismatischen Prediger Gülen verwehrt.

          Lebt seit 1999 in einer abgeschiedenen Gegend Pennsylvanias: Fethullah Gülen

          Erdogan profitierte zunächst von Gülen. Seine AKP, die ein Jahr nach ihrer Gründung im November 2002 erstmals in die Regierungsverantwortung gewählt wurde, hätte sich ohne dessen Vorarbeit nicht derart rasch an der Macht behaupten können. Erdogan repräsentiert noch den klassischen „schwarzen Türken“. Er besuchte lediglich die religiöse Imam-Hatip-Schule und spricht bis heute keine Fremdsprache. Gülen aber hatte früh gepredigt, dass Schulen wichtiger seien als Moscheen. Früh hatte der 1941 geborene Prediger nach den Ursachen für die Rückständigkeit der Türken gefragt, und seine Antwort war, dass die Mehrzahl der Türken nicht gebildet sei, da es in der Türkei kaum moderne Schulen gebe, schon gar nicht auf dem Land.

          Daher förderte der Prediger den Bau von Privatschulen, die seine Anhänger finanzierten und die der türkische Staat beaufsichtigte. Gülen gab lediglich vor, dass sie moderne Curricula haben sollten, dass nicht die Vermittlung von Religion im Vordergrund stehen solle, sondern von modernen Naturwissenschaften und wichtigen Fremdsprachen. Unternehmer, die ihm nahestanden, forderte er auf, Stipendien an begabte Kinder mittelloser Eltern in Anatolien zu vergeben. Kritiker Gülens behaupteten bald, das sei nur ein Programm, um eine Gülen ergebene Elite heranzubilden und die Herrschaft über das Land an sich zu reißen.

          Befreiung von den Fesseln des Staats

          Als die AKP 2002 erstmals die Regierungsverantwortung übernahm, konnte sie im Wesentlichen nur auf die Absolventen von Gülen-Schulen zurückgreifen, um hohe Positionen in der Bürokratie in Ankara und in der Justiz zu übernehmen. Denn in der politischen Bewegung um Erdogan waren damals erst wenige auf solche Aufgaben vorbereitet.

          Die AKP-Regierungen profitierten von den Bildungsanstrengungen der Gülen-Bewegung, aber auch von den vielen neuen Unternehmen, die in Anatolien erfolgreich wurden. Die ersten waren in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden, als der Reformer Turgut Özal die starke Zentralisierung der Republik beschnitt. Ihr Wachstum ging dann einher mit der Verbreitung der Lehren Gülens, der eine calvinistisch anmutende Arbeitsethik predigte, die sich viele Anatolier zu eigen machten.

          Die Befreiung von den Fesseln des Staats durch Özal und Gülens Arbeitsethik führten dazu, dass Anatolien immer mehr seinen Ruf abstreifte, ein Armenhaus zu sein. Stattdessen sprach man jetzt von den „anatolischen Tigern“. Ihr politischer Führer war Recep Tayyip Erdogan, und er verschaffte diesen aufstrebenden Unternehmen neue Absatzmärkte im Nahen Osten, in Asien und in Afrika. Das Bündnis zerbrach im Dezember 2013. Seither trägt Erdogans angebliche Angst vor Gülen, seinem langjährigen Weggefährten, paranoide Züge. Denn für alles, wofür Erdogan einen Sündenbock braucht, für alles, was ihm schadet, muss seither Gülen herhalten.

          Erdogan schaltet Rivalen aus

          Das war vor dem Dezember 2013 noch anders. Da hatte Erdogan von Jahr zu Jahr Rivalen ausgeschaltet und Gefahren neutralisiert. Von 2007 bis 2013 sorgte er dafür, dass Offiziere aus der Armee ausscheiden mussten, die ihm gefährlich werden konnten, und er beförderte jene, vor denen er keine Angst haben musste. Denn nun waren die jungen Kader, die auf ihn eingeschworen waren, so weit, dass sie führende Positionen in der Justiz und in der Bürokratie einnehmen konnten.

          Gefahr kam dann im Mai 2013 von der städtischen Jugend, die ihn mit den Gezi-Protesten herausforderte. Die Proteste erreichten keine kritische Masse, Erdogan ließ sie niederknüppeln – nicht ohne von Gülen hören zu müssen, dass dies mit Demokratie nicht vereinbar sei.

          Der Bruch kam am 17. Dezember 2013. An jenem Morgen nahmen Mitglieder der Justiz und Polizisten landesweit 40 Personen wegen Korruptionsverdachts fest. Im Mittelpunkt des Korruptionsverdachts stand Erdogan selbst, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und märchenhaft reich geworden war. Erdogan reagierte umgehend, beschuldigte Gülen, einen „Parallel-Staat“ zu betreiben, und gab den Startschuss, dessen Bewegung zu verfolgen. In den Tagen danach wurden 3000 Polizisten aus dem Staatsdienst entlassen; 115 Richter und Staatsanwälte, die an den Ermittlungen beteiligt waren, wurden vom Dienst suspendiert. Der Justizminister sorgte mit seinen Personalentscheidungen dafür, dass alle Ermittlungen eingestellt wurden.

          Angst vor Gülen wurde zur Obsession

          Eine Jagd auf die Unternehmen und Medien der Gülen-Bewegung setzte ein. Flaggschiffe wie die Bank Asya und die Zeitung „Zaman“ wurden konfisziert, indem unter fadenscheinigen Begründungen die Vorstände abgesetzt und durch staatliche „Treuhänder“ ersetzt wurden. Die wirtschaftlichen Quellen der Bewegung wurden ausgehöhlt; wer verdächtigt wurde, zur Bewegung zu gehören, wurde aus dem Staatsdienst entlassen.

          Als Folge verlor die Bewegung in ihrem Entstehungsland immer mehr an Bedeutung und wurde zunehmend international – mit Privatschulen, Unternehmen und Medien in mehr als 140 Ländern und einem wichtigen Schwerpunkt in den Vereinigten Staaten. Dort repräsentiert die Gülen-Bewegung mittlerweile ein erhebliches Spektrum der erfolgreichen muslimischen Mittelschicht.

          Erdogans persönlicher Kampf gegen Gülen und die Angst vor dessen Bewegung wurde zu einer Obsession. Seit dem Beginn der Korruptionsaffäre spricht er gebetsmühlenhaft von einer „ausländischen Verschwörung“, die das Ziel verfolge, ihn zu stürzen. In Reden verwendet Erdogan oft mehr Zeit auf die Gefahr durch Gülen als durch den „Islamischen Staat“.

          Einzige innerislamische Alternative zu Erdogan

          Worin begründet sich nun der Hass Erdogans auf Gülen? Zunächst ist dieser die einzige innerislamische Alternative zu Erdogan. Während Erdogan einmal gesagt hat, die Demokratie sei nur der Zug, auf den er aufsteige, bis er am Ziel sei, hatte sich Gülen klarer für die Demokratie ausgesprochen. Er bezeichnet diese als die Voraussetzung für die Entwicklung einer Nation. Als Prinzipien, die erfüllt sein müssten, zählte er in einem Interview auf: „Beratung, Gerechtigkeit, Religionsfreiheit, der Schutz der Rechte von Individuen und Minderheiten, das Recht eines Volkes zur Wahl seiner Regierung, die Verantwortung der Regierenden für ihr Handeln, die Unzulässigkeit der Herrschaft einer Mehrheit oder Minderheit über den jeweils anderen.“ Die meisten dieser Forderungen sind in Erdogans Türkei nicht gegeben.

          Gülen fordert Erdogan aber auch heraus, weil er seit 2007 dessen Abgleiten vom Reformkurs und dessen wachsendes Desinteresse an Europa kritisiert. An Erdogans Ruf nagt vor allem die Korruptionsaffäre, die größte in der Geschichte der Türkei. Schließlich war er 2002 als Politiker angetreten, der eine weiße Weste hat und die verbreitete Korruption bekämpfen wolle. Das Akronym seiner Partei, AK Parti, bedeutet auch: die weiße, die saubere Partei.

          Das ist sie längst nicht mehr. Doch während Erdogan sagenhaft reich geworden ist, lebt Gülen weiter bescheiden. Von Amerika aus hat er den Putschversuch „scharf und unmissverständlich“ verurteilt. Erdogan aber fordert Gülens Auslieferung. Eine weitere Trophäe derer, die er besiegt hat.

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