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Recep Tayyip Erdogan : Volkstribun und Demagoge

„Ist Pakistan hier, ist Lahore hier?“ Erdogan am Sonntag in Istanbul Bild: AFP

Der türkische Regierungschef Erdogan pflegt eine Rhetorik, die in Westeuropa außer Mode gekommen ist - und die seine Anhänger mitreißt.

          Zwei Millionen waren es nicht, die dem türkischen Ministerpräsidenten am Sonntag bei seiner Istanbuler Rede zujubelten. Träfe die Behauptung der Recep Tayyip Erdogan meist kritiklos ergebenen Zeitung „Yeni Safak“ zu, hätten sich nämlich, so errechneten es Professoren von der Bosporus-Universität, auf dem Areal im Stadtteil Zeytinburnu 16 Menschen mit einem Quadratmeter Platz begnügen müssen. Doch mehr als 250.000 Menschen waren mit Sicherheit nach Zeytinburnu gekommen. Sie wurden auch nicht „herangekarrt“, wie es in einigen westlichen Zeitungen zu lesen war.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Erdogan ist nicht auf Claqueure angewiesen - er hat Millionen Anhänger, ja Bewunderer in der Türkei. Wahr ist aber, dass die städtischen Verkehrsbetriebe auf Geheiß der Regierungspartei AKP Schiffe und Busse in Sonderschichten einsetzen mussten, um Menschen an den Ort der Großkundgebung zu bringen, während zugleich die eigens um Einheiten aus Südostanatolien und Ankara verstärkte Polizei eine geplante Demonstration der Erdogan-Gegner am Taksim-Platz unterband.

          Am Montag waren türkische und internationale Medien voll von Zitaten aus Erdogans rhetorischem Rachefeldzug gegen seine Gegner, doch die Wortschnipsel vermitteln keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn Erdogan spricht - und warum er die Massen in seinen Bann zieht wie kein zweiter Politiker seines Landes. Der türkische Ministerpräsident ist ein begnadeter Inszenator in eigener Sache, ein Redner und Demagoge von unbestreitbarer Begabung und kühler Skrupellosigkeit. Er schmeichelt, droht, verspricht, lügt, verharmlost, verschweigt und übertreibt. Sein Stil ist in Nordwesteuropa längst aus der Mode, sein Pathos und Aplomb würden in Berlin oder Paris komisch bis peinlich wirken. Doch bei Erdogans Publikum kommt er an. So spricht ein Führer, oder zeitgemäßer: ein Star.

          Angekündigt von einem marktschreierischen Sprecher in der Art, in der Sportstars gefeiert werden, betritt Erdogan die Bühne. Er lässt es über sich ergehen, dass sein Name vom sich bis zur Heiserkeit brüllenden Ansager immer wieder skandiert und vom Publikum im Chor gerufen wird. Dann endlich spricht er selbst. Erdogan beginnt seine großen Reden stets mit der gleichen rhetorischen Figur, sie stimmt die Massen ein auf die Größe des Augenblicks. „Istanbul heißt auch Türkei, heißt auch Naher Osten, Balkan, Nordafrika. Istanbul ist Europa, Asien, Afrika. Ich grüße aus dieser antiken osmanischen Hauptstadt, aus dieser Weltstadt, aus dieser Welt-Hauptstadt die ganze Welt, alle Freunde auf dieser Welt, alle Brüder von Herzen“, sagt Erdogan. Eigentlich sagt er es dreimal, denn seine Rede hallt mit doppeltem Echo über den Platz.

          Keine inhaltliche Aussage, aber das Publikum ist verzückt

          Dann wendet sich Erdogan an jene fernen Brüder, die in Gedanken ebenfalls in Istanbul seien: „Ich frage jetzt, ist Malaysia hier, ist Kuala Lumpur hier?“ Jubelnd antwortet die Masse: „Hier!“ So geht es weiter: „Ist Pakistan hier, ist Lahore hier? Ist Mazedonien hier, ist Skopje hier? Ist Gostivar hier? Ist Prizren hier? Ist Prishtina hier? Ist Bosnien hier, ist Sarajevo hier? Ist Zenica hier? Ist Angola hier? Ist Myanmar hier?“ Jedes Mal meldet sich das Publikum zur Stelle, über Minuten geht es so, von Gaza nach Bagdad, von Basra nach Aleppo. Noch hat Erdogan keine einzige inhaltliche Aussage gemacht, aber das Publikum ist verzückt, fühlt sich als Teil von etwas Großem.

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