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Recep Tayyip Erdogan : Volkstribun und Demagoge

Von den Freunden wechselt Erdogan dann zu den Feinden der Türkei. „Seit Tagen habt ihr verlogene Nachrichten produziert“, wendet er sich scheinbar an die Korrespondenten westlicher Medien. „Ihr habt der Welt eine andere Türkei gezeigt, aber ihr seid allein geblieben mit euren Lügen. Diese Nation ist nicht die Nation, die ihr der Welt präsentiert habt. Diese Nation ist vertrauenswürdig, diese Nation ist keine Nation, die in der Nacht auf Pfannen und Töpfe schlägt.“ Erdogan spielt auf das allabendliche Hauskonzert der Istanbuler an, bei dem sich stets um neun Uhr Zehntausende in allen Teilen der Stadt, auf Töpfe oder Pfannen trommelnd, an die Fenster ihrer Wohnungen stellen, um so Sympathie mit den Demonstranten und Abneigung gegen die Regierung auszudrücken. Das zeige, wie rücksichtslos seine Gegner seien, sagt Erdogan nun und fragt, ob heute nicht die Aufnahmeprüfungen zur Universität anstünden. Als die Masse bejaht, brüllt der Ministerpräsident: „Haben die, die auf die Töpfe schlagen, nicht an die Kinder dieses Landes gedacht? In wessen Namen schlagen sie auf Töpfe und Pfannen? Machen sie das, weil sie die Jugend lieben oder weil sie Umweltschützer sind? Im Umweltschutz gibt es auch Lärmschutz!“ Man habe die armen Studenten in der Nacht vor den Prüfungen nicht schlafen lassen, sagt der Mann, dessen Polizei seit Wochen ohne Rücksicht auf Verluste Gasgranaten in Menschenmengen schießt.

„Die Türkei ist stolz auf dich!“

Wieder behauptet Erdogan, dass „die Respektlosen“ in Schuhen eine Istanbuler Moschee betreten und dort Alkohol getrunken hätten, obwohl der Imam diese Darstellung schon vor Tagen zurückgewiesen, sich sogar lobend über das Benehmen der jungen Leute geäußert hatte. Und die EU erst! „Wer seid ihr, wer seid ihr? Seid ihr berechtigt, über die Türkei Urteile zu fällen?“ Erdogan beschimpft die Abgeordneten des Europäischen Parlaments, die das Vorgehen der türkischen Polizei kritisiert hatten. Sollen sich Europäer doch um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern: „In Griechenland sind so viele Dinge vorgefallen, überall wurde etwas angezündet, zerstört, wurden Menschen getötet - und ihr seid aufgestanden und habt denen mit Hunderten Milliarden Euro geholfen.“

Was dieser Satz aussagt, ist unklar, aber das fällt nicht auf, weil Erdogan nun darüber spricht, dass die Türkei sich nicht durch ein vom Ausland gesteuertes Komplott schwächen lassen werde. „Die Türkei, das sind 81 Provinzen mit 76 Millionen, die seit Tausenden Jahren als Einheit zusammenleben, als Brüder. Sie ist ein großes Land, ein großer Staat.“ Als Antwort skandiert die Menge: „Die Türkei ist stolz auf dich!“ Erdogan bedankt sich: „Wir sind auch stolz auf euch!“ Hoffentlich, so wendet er sich an seine Wähler, „lasst ihr im März 2014 die Wahlurnen platzen“. Dann finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Der Wahltag wird auch der Moment sein, in dem die Türken ihr Urteil über das abgeben, was sich in den vergangenen Wochen auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park ereignet hat.

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