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Präsidentenwahl in der Türkei : Im Reiche Receps des Reizbaren

Für eine Türkei nach dem Ebenbild Erdogans: Anhänger des scheidenden Ministerpräsidenten und wohl künftigen Präsidenten in Istanbul Bild: dpa

Dass Recep Tayyip Erdogan am Sonntag die Präsidentenwahl in der Türkei gewinnt, steht schon fest. Dennoch bekämpft er seine Gegner bis aufs Blut. Selbst frühere Freunde zermalmt er höhnisch.

          7 Min.

          Der Unterhaltungswert von Recep Tayyip Erdogan ist zumindest in der Türkei unübertroffen und liegt seit Jahren konstant bei 10 von 10 möglichen Punkten. Wenn dieser Mann die Bühne erklimmt und redet, wenn vor Zehntausenden die große Tayyip-Show beginnt, zieht er die zuvor bereits sorgsam aufgepeitschten Massen regelmäßig schon mit den ersten Sätzen in seinen Bann. Ekmeleddin Ihsanoglu, der geringfügig wichtigere der zwei chancenlosen Gegenkandidaten Erdogans bei der türkischen Präsidentenwahl am kommenden Sonntag, ein vielsprachiger, weitgereister, weltgewandter muslimischer Gelehrter, ist ihm als Redner hoffnungslos unterlegen. Keiner versteht es besser als der scheidende türkische Regierungschef und künftige Staatspräsident der Türkei, eigene Schwächen in Stärken umzumünzen und den Gegner selbst da lächerlich zu machen, wo der ihm eigentlich überlegen ist.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Türkische Intellektuelle und liberale Kolumnisten mögen über Erdogans mangelnde Fremdsprachenkenntnisse die Nase rümpfen und den mehrsprachigen Ihsanoglu als Vorbild rühmen, den Angegriffenen kümmert das nicht: „Lasst ihn halt einen Professor sein und drei Sprachen sprechen. Suchen wir hier etwa einen Übersetzer?“ spottete Erdogan auf einer Wahlveranstaltung über seinen Mitbewerber um das höchste politische Amt der Türkei. Übersetzer gebe es viele, stellte er fest, bevor er die Kenntnisse seines Gegenkandidaten in zwei Sätzen auf die Bedeutung von Handlangerdienstleistungen reduzierte: „Es gibt solche (Übersetzer), die drei Sprachen sprechen, und solche, die sogar fünf beherrschen. Ich führe meine Geschäfte mit ihrer Hilfe.“

          Wer verfolgt hat, wie abschätzig Erdogan während dieser Wahlkampagne über Ihsanoglu sprach, konnte viel über den wichtigsten türkischen Staatsmann der vergangenen 75 Jahre lernen. Immerhin waren Erdogan und Ihsanoglu einmal befreundet – soweit die Kategorie „Freundschaft“ für Machtmenschen vom Schlage Erdogans überhaupt eine Bedeutung hat. Ohne die Fähigkeit, frühere Weggefährten oder Förderer fallenzulassen und politisch über Leichen zu gehen, hat noch kein sogenannter großer Mann (und auch keine mutmaßlich große Frau) auskommen können, doch bei Erdogan ist mehr im Spiel. Erdogan lässt Verbündete, die er nicht mehr benötigt oder die sich ihm gar entgegengestellt haben, nicht einfach nur fallen. Er zermalmt sie.

          Kasimpasa als geistige Lebensform

          „Du wirst wie ein brandiges Glied für mich sein“, hatte Peter der Große einst dem Zarewitsch Alexej gedroht, halb wahnsinnig vor Angst, der nichtsnutzige Stammhalter werde sein neues Russland zerstören. Als alles Drohen und Flehen nichts half, ließ der Zar seinen uneinsichtigen Sohn zu Tode foltern. Folterkeller gibt es nicht mehr in Erdogans Türkei, aber auch deren Herrscher kennt keine Gnade mit allen, von denen er glaubt, sie bedrohten sein großes Projekt einer Erneuerung der Türkei. Sein noch lange nicht vollendetes Lebenswerk, mit dem Erdogan dem Land ein Fenster nach Osten aufgestoßen hat, ist eine Türkei, die geformt ist nach Wille und Vorstellung eines Arbeitersohns aus dem Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa. Erdogan will 75 Millionen Türken (aus denen er noch zu seiner Lebenszeit 80, am besten 90 Millionen machen will) Kasimpasa als geistige Lebensform verordnen. Da nur er weiß, was am besten ist für sein Volk und sein Land, weiß er auch, dass es Wichtigeres gibt als Freundschaft, Treue, Wahrheit: ihn. Erdogan hat keine Zeit zu verlieren. Wer sich ihm widersetzt, widersetzt sich der Türkei und muss unschädlich gemacht werden.

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