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Türkei nach dem Putschversuch : Der Tod ist nicht Strafe genug

In ihren Händen: Erdogans Anhänger schwenken die Fahnen der Republik zur Unterstützung ihres geliebten Präsidenten. Bild: AFP

Der Ausnahmezustand ist zum neuen Normalzustand in der Türkei geworden. Das Regime kämpft mit allen Mitteln der Einschüchterung gegen Erdogans Gegner – und glaubt damit tatsächlich die Demokratie zu retten.

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          Der Kampf, der im Sommer 2016 in der Türkei tobt, macht selbst vor den Toten nicht halt. Während in der Hauptstadt Ankara noch der Nationale Sicherheitsrat tagte und über die „wichtige Entscheidung“ beriet, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor der Sitzung angekündigt hatte, trat in Istanbul Bürgermeister Kadir Topbas an die Öffentlichkeit und teilte mit, dass er sogar die Leichen seiner Feinde verfolgen werde. Er habe angeordnet, dass die bei dem Putschversuch am 15. Juli ums Leben gekommenen Umstürzler in einem gesonderten Areal zu verscharren seien, einem „Friedhof der Verräter“, sagte Topbas, der für die Regierungspartei AKP von Erdogan die Geschicke der größten Stadt des Landes lenkt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Passanten könnten dann die dort Begrabenen verfluchen, „und sie werden in ihren Gräbern keine Ruhe finden“, sagte Topbas und lobte das Verhalten des Bürgermeisters der türkischen Schwarzmeerstadt Ordu als nachahmenswertes Beispiel. Der habe nämlich die Beerdigung eines Putschisten gänzlich verweigert, weshalb dessen Familie die Leiche in ihrem eigenen Garten habe begraben müssen. „Ich gratuliere dem Bürgermeister“, sagte Topbas.

          Das Rächen erledigt Allah

          Der Furor des Bürgermeisters vom Bosporus ist nur eines von vielen Beispielen für die rachsüchtige Rhetorik in der Türkei dieser Tage. Der militärischen ist die rhetorische Eskalation gefolgt. Zwar hat Erdogan, dessen Wort mehr zählt als alles andere, in einer Rede nach dem Putsch gesagt, Muslime seien keine Rächer. Das Rächen erledige Allah für sie. Doch andere Politiker seiner Partei, und erst recht deren Medien, tun sich keinen Zwang an. Vor Topbas hatte schon die Religionsbehörde Diyanet mitgeteilt, dass es für am Putschversuch beteiligte und dabei umgekommene Soldaten keine Beerdigungszeremonien oder Gebete gebe – ausgenommen für jene, die zur Teilnahme an der Rebellion gezwungen worden seien. Wie das im Einzelfall entschieden werden solle, teilte die Behörde nicht mit.

          Mitten in Istanbul, am berüchtigten Taksim-Platz, weht an der Fassade des seit Jahren leerstehenden Atatürk-Kulturzentrums ein großes Transparent im Wind, auf dem der „Fetö“ gedroht wird. Das Kürzel Fetö steht für die „Fethullaci Terör Örgütü“, zu Deutsch: die „Terrororganisation der Fethullah-Anhänger“. So haben Medien der AKP die Bewegung des seit vielen Jahren im amerikanischen Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen schon in den Monaten vor dem Putsch immer häufiger genannt. Doch seit dem 15. Juli ist „Fetö“ die durchgängige amtliche und regimetreue Bezeichnung für die einst mit Erdogan kooperierende Bewegung. Auf dem Banner an der Fassade des Atatürk-Kulturzentrums, dessen ruinöser Zustand etwas Symptomatisches hat, steht zu lesen: „Hund des Teufels Fetö, dich und deine Hunde werden wir an euren Leinen aufhängen. Mit Gottes Hilfe werden wir die Flagge der Demokratie am Himmel wehen lassen.“

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