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Nach dem Putschversuch : Die Stunde der Rache

Zivilisten vertreiben Soldaten mit Schlagstöcken. Bild: Reuters

Der Mob ist durch die Straßen Istanbuls gezogen, hat Putschisten verprügelt und gedemütigt. Jetzt könnte Erdogan all jene ausschalten, die ihm unlieb sind. Bei den Richtern hat er schon angefangen.

          Es ist der Tag nach einer historischen Nacht. Da steht der türkische Präsident Tayyip Erdogan auf dem Flughafen Atatürk in Istanbul und sagt, der Putschversuch, der Aufstand und die Bewegung der vergangenen Nacht seien ein „Segen Gottes“. Er stutzt kurz. „Warum ein Segen Gottes", fragt er sich selbst. „Diese Bewegung ist eine, die als Anlass dazu dienen wird, dass unsere Streitkräfte, die vollkommen rein sein müssen, gesäubert werden.“

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Die Streitkräfte säubern, das hört sich an, als wäre es die Fortsetzung des aktuellen Kurses von Erdogan, der auch zuletzt unliebsame Journalisten und Medien verstummen ließ, gegen Kurden und andere verhasste Gruppen vorging. Jetzt geht die Diskussion in der Regierungspartei AKP bereits soweit, die Todesstrafe wieder einzuführen. Der Ministerpräsident Binal Yildirim betont zwar, diese sei ja abgeschafft worden, er setze sich aber dafür ein, „zusätzliche Maßnahmen“ einzuführen, um solche „Verrücktheiten“ zu verhindern.

          Auge in Auge: Viele Bürger sind auf die Straße gegangen und haben sich mit Soldaten direkt angelegt.

          Er bezeichnete die Maßnahmen gegen die Putschisten als beendet und rief die Bevölkerung dazu auf, sich zu mäßigen. Putschisten waren auf den Straßen verprügelt worden, einzelne Militärangehörige sollen gezwungen worden sein, sich auszuziehen. Soldaten mussten von Polizisten geschützt werden, um nicht von der wütenden Bevölkerung geschlagen zu werden. In einem Video, das offenbar auf einer Bosperus-Brücke in Istanbul aufgenommen wurde, liegt ein blutüberströmter Soldat auf dem Boden.

          Derjenige, der das Video aufnimmt, sagt auf Türkisch: „Vier haben wir umgebracht, jetzt sind wir beim fünften. Hund!“ Schüsse sind zu hören. Andere rufen „Gott ist groß“, „Ungläubiger!“ und „Krepier!“. Mehrere treten auf den leblos wirkenden Körper ein. Das Video wurde via Twitter verbreitet.

          Die dem Militär nahestehende Zeitung „Sözcü“ berichtete am Samstag, ein aufgebrachter Mob habe einem Soldaten in Istanbul die Kehle durchgeschnitten. Regierungskreise bestätigten den Bericht zunächst nicht. Auf weiteren Aufnahmen ist zu sehen, wie Putschgegner einen Panzer umzingeln. Ein Demonstrant steigt auf das Dach und tritt auf den Soldaten in der Luke ein. Stimmen sind zu hören, die auf Türkisch rufen: „Schlag ihn! Schlag ihn!“ Andere flehen: „Das ist ein Soldat! Hört auf!“ Ein Polizist eilt dem Soldaten schließlich zur Hilfe.

          Erdogan hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen, sich gegen den Putsch zur Wehr zu setzen. Augenzeugen berichteten, dass auch die Muezzine in der Nacht die Frommen unter Erdogans Anhängern dazu aufriefen, gegen den versuchten Umsturz der Regierung zu demonstrieren. Zivilisten schlugen, teilweise unbewaffnet, gegen Panzer. Soldaten, die ihnen begegneten, schlugen sie mit Stöcken und Ledergürteln und trieben sie davon. Wie viele der rund 300 Toten Putschisten sind, wie viele zu den Regierungstreuen gehören und wie viele Zivilisten, ist bisher nicht bekannt. 2839 Putschisten aus den Reihen der Streitkräfte wurden nach Regierungsangaben festgenommen.

          Erdogan könnte gestärkt daraus hervorgehen

          Einige Experten gehen davon aus, dass Erdogan aus der Putschnacht gestärkt hervorgeht.  Erdogan sehe sich jetzt bestätigt in der „Paranoia“, dass es Mächte im Staat gebe, die ihn und die Regierung stürzen wollten, sagte der Leiter des Istanbuler Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, Kristian Brakel, am Samstag: „Das ist natürlich jetzt Wasser auf die Mühlen all seiner Anhänger, die das auch immer schon geglaubt haben.“

          Zudem mache es für viele, die noch nicht so ganz überzeugt waren von dem geplanten Präsidialsystem samt Verfassungsänderung, glaubhafter, dass man einen starken Herrscher an der Spitze brauche. Eine ähnliche Einschätzung gab der Grünen-Vorsitzende Özdemir ab: „Erdogan wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, nicht nur das Militär gründlich zu säubern und sein Projekt einer Verfassungsänderung mit dem Ziel der Alleinherrschaft endgültig zu realisieren“, sagte Özdemir der „Welt am Sonntag“.

          Militärstützpunkt wieder eingenommen: Ein Polizist hält eine Maschinenpistole in der Hand.

          Zu dieser Einschätzung passt, dass am Morgen danach mehr als 2700 Richter suspendiert worden sein sollen. Das berichtet der türkische Sender NTV unter Berufung auf den Hohen Rat der Richter und Staatsanwälte, der die Gerichte kontrolliert. Mit der Justiz lag Erdogan mehrfach über Kreuz. 

          Offen ist auch, was mit den Soldaten geschieht, die sich zur Stunde im besetzten Militärstützpunkt befinden. Bislang lässt sich als Fazit ziehen: Die Türkei hat den Putschversuch überstanden, die gewählte Regierung ist weiterhin im Amt – jetzt entscheidet sich, wie die Sieger mit den unterlegenen Putschisten umgehen. Und ob Erdogan die Situation für sich ausnutzt.

          Die Polizei nimmt Soldaten fest, die am Putsch beteiligt gewesen sind.

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