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Nach Anschlag in Türkei : Krieg beim Nachbarn, Terror zu Hause

Zwei Frauen trauern in Gaziantep um Familienangehörige, die bei dem Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft getötet wurden. Bild: dpa

Nach dem Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft ist die Türkei erschüttert. Weil der Terror im Nachbarland nicht an der Grenze Halt macht, will das Land seine Syrien-Politik ändern.

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          Terror und Selbstmordanschläge mit vielen Todesopfern haben sich in den vergangenen Jahren auch jenseits der südostanatolischen Kurdengebiete so häufig ereignet in der Türkei, dass sie das Land nicht aus der Bahn werfen. Doch der Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep hatte selbst für die Verhältnisse, an die sich die Türken gewöhnen mussten, etwas besonders Erschütterndes. Das liegt nicht nur an dem Tatort, den sich die Hintermänner für ihr Verbrechen ausgesucht hatten – was kann es Unpolitischeres und Friedlicheres geben als eine Hochzeit? Es liegt auch nicht allein an dem Umstand, dass etwa die Hälfte der Opfer Minderjährige waren, viele von ihnen im Vorschulalter. Es hat vor allem damit zu tun, dass die Tat auch von einem Kind verübt wurde – oder zumindest durch ein Kind.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Anschlag, so hatte es jedenfalls der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag mitgeteilt, sei von einem Kind im Alter zwischen 12 und 14 Jahren ausgeführt worden. Am Montagabend machte Ministerpräsident Binali Yildirim dann jedoch andere Angaben: „Wir sind nicht in der Lage, irgendetwas zum Attentäter zu bestätigen – ob er ein Kind oder ein Erwachsener war“, so der Regierungschef. Auch zu der Frage, in wessen Auftrag die Tat geschehen sei, gebe es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Die Zeitung „Hürriyet“ hatte zuvor noch gemeldet, Überwachungskameras in Gaziantep zeigten, wie das Kind von zwei Personen begleitet worden sei, die sich vor der Detonation der Bombe jedoch vom Tatort entfernt hätten.

          Bestätigen ließen sich solche Berichte zunächst jedoch nicht. Vieles blieb im Unklaren, wie auch – aufgrund der vielen in den Krankenhäusern von Gaziantep mit dem Tode ringenden Schwerverletzten – nicht einmal die Zahl der Todesopfer des Anschlags endgültig feststand. Am Sonntag war zunächst von 50 Toten die Rede gewesen, am Montag lag die Zahl schon bei 54, und das bei weiterhin mehr als einem Dutzend Verletzten, deren Zustand als kritisch eingestuft wurde.

          „Bekannt“ hatte sich unterdessen noch niemand zu dem Blutbad. Während der „Islamische Staat“ (IS) in westlichen Ländern am liebsten jeden Verkehrsunfall für sich beanspruchen würde, hat er die ihm zugeschriebenen großen Terrorakte in der Türkei wie jenen von Ankara im Oktober vergangenen Jahres bisher nicht als eigene Taten reklamiert. Dennoch bezeichnete die türkische Führung den Anschlag bereits wenige Stunden nach der Tat als wahrscheinliches Werk des IS. Erdogan ging sogar bemerkenswert weit in seiner Deutung des Vorfalls: Er sagte, in der Vergangenheit sei die Polizei schon gegen IS-Zellen in Gaziantep vorgegangen, und kündigte an: „Natürlich werden unsere dortigen Sicherheitskräfte diese Einsätze noch intensiver fortsetzen.“

          Der IS als Erfindung des Westens

          Allein das Eingeständnis, dass die Türkei auch im Innern ein Problem mit dem IS hat, dass es überhaupt maßgebliche Kräfte dieser Terrororganisation innerhalb ihrer Grenzen gibt, ist bemerkenswert. Noch vor einem Jahr hätte man eine solche Aussage schwerlich aus dem Munde eines führenden Ankaraner Regierungspolitikers gehört. Freilich nährt die türkische Regierungspartei AKP auch weiterhin die abstruse Theorie, der IS sei eine Erfindung des Westens zur Spaltung der Muslime. Nach dem Anschlag von Gaziantep war es Justizminister Bekir Bozdag, der als Verschwörungstheoretiker vom Dienst in Erscheinung trat. Er sprach von den „dunklen internationalen Kräften“ die den IS geschaffen hätten. Dessen Ziel sei es, die Menschen dazu zu bringen, den Islam und die Muslime zu hassen, wusste der Justizminister.

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