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Nach Anschlägen : Es braucht mehr Religion, um Extremismus zu bekämpfen

In einem Prozess wollte eine Frau das Tragen des Kopftuches durchsetzen. Bild: Picture-Alliance

Wenn die Religion vollkommen aus dem öffentlichen Raum verdrängt wird, stärkt das religiösen Extremismus. Um Muslime besser integrieren zu können, das zeigt das Beispiel Frankreich, muss Religion stärker sichtbar werden. Ein Kommentar.

          Die Trennung von Staat und Kirche ist eine der großen Errungenschaften der abendländischen Zivilisation. Der Kampf hat Jahrhunderte gedauert – vom Wormser Konkordat im Jahr 1122 bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert, das die Vernunft über den Glauben stellte. Von da an wurde die Trennung vollzogen. Den einen Königsweg, wie sie zu gestalten sei, hat es indes nie gegeben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Frankreich, das Land der Aufklärung, entwickelte die „republikanische Laizität“. Der Staat verstand sich als Agent des Fortschritts und versuchte, Religion, die so gesehen nur Aberglaube sein konnte, aus der Gesellschaft fernzuhalten. In keinem Land Europas wurde Religion so radikal aus der Öffentlichkeit verdrängt wie in Frankreich. Atatürk, der Gründer der Republik Türkei, machte sich dieses Modell zu eigen.

          Die Vereinigten Staaten wiederum sind von Einwanderern gegründet worden, die vor religiöser Verfolgung geflohen waren; sie entwickelten daher einen Säkularismus, der Staat und Kirche trennt, um gerade dadurch die religiöse Pluralität in der Gesellschaft zu sichern. Der deutsche Säkularismus geht noch weiter. Er trennt ebenfalls Kirche und Staat; beide kooperieren aber konstruktiv miteinander.

          Religion nicht nur Privatsache

          Diese Formen der Laizität und des Säkularismus werden in der Gegenwart durch die massenweise Einwanderung von Muslimen in einem Maße herausgefordert, die eine Weiterentwicklung der Konzepte erforderlich macht. Denn die starke Religiosität der meisten Muslime und ihre Erwartung, ihre Religion ausleben zu können, kollidieren mit unserer Tradition der Trennung von Staat und Religion. Mit der religiösen Neutralität im öffentlichen Leben wollen sie sich nicht abfinden. Für sie ist Religion nicht nur Privatsache.

          In Frankreich wird inzwischen darüber diskutiert, ob die Integration vieler Einwanderer nicht auch deshalb gescheitert ist, weil viele Muslime die Laizität als einen Angriff auf ihre Religion wahrnehmen und sich daher nicht zu den Prinzipien der Republik bekennen wollen. Der religionsfeindliche Laizismus gilt daher als ein Faktor, der die islamische Jugend, die in den Vorstadtgettos ein trostloses Leben führt und aggressiv wird, weiter radikalisiert. Das um so mehr, als Tausende Moscheen fehlen, da sich der laizistische Staat nicht um Gebetsstätten kümmert und Versammlungsorte der Muslime im Untergrund landen.

          Die Laizität wird zwar nicht grundsätzlich in Frage gestellt. So hängt seit drei Jahren in jeder Schule die „Charta der Laizität“, die alle Schüler zur religiösen Neutralität im Klassenraum verpflichtet. Langsam aber weicht die strikte Interpretation von Laizität als Garanten für religionsfreien Fortschritt auf. Denn der republikanischen Laizität ist es nicht gelungen, durch eine vertiefte Säkularisierung im öffentlichen Raum tatsächlich eine homogene staatsbürgerliche Identität für alle zu schaffen. Somit können radikal-islamische Identitäten gedeihen, die sich bewusst außerhalb des laizistischen Selbstverständnisses setzen.

          Ein liberal-pluralistisches Gegenmodell zum politischen Atheismus der französischen Laizität ist der deutsche Säkularismus. Denn er ermöglicht(e) die Sichtbarkeit von Religionen und ihrer Symbole im öffentlichen Raum. Aber, auch wenn in Deutschland weiter die Tradition des christlichen Abendlandes beschworen wird: Religion wird aus dem öffentlichen Raum zunehmend verdrängt – etwa auf Wunsch der Eltern die Kruzifixe aus den Schulen; christliche Feste erhalten Allerweltsnamen.

          Religionen sollten mitdiskutieren dürfen

          In diesem vom Christentum entleerten Raum soll sich nach Ansicht vieler aber auch kein Islam sichtbar breitmachen. Und so setzte eine gegenläufige Entwicklung ein: Frankreich bewegt sich Richtung Säkularismus, um die Muslime besser zu integrieren, Deutschland aber womöglich in Richtung eines Laizismus, ohne dass es ausgesprochen wird.

          Zwei Positionen stehen sich gegenüber: Die eine behauptet, ein Staat, der sich religiös zurücknehme, könne besser integrieren als einer, der sich zu Religion bekenne; Migranten könnten sich also leichter mit einem religionsneutralen Staat identifizieren. Die andere argumentiert, dass sich religiöse Menschen bei der Durchsetzung des laizistischen Homogenisierungsideals ausgeschlossen fühlen (können), was eine Radikalisierung begünstige; daher müsse es akzeptiert werden, wenn vielfältige Identitäten in religiösen Symbolen sichtbar würden. Zudem könnten Religionen oft Werte wirkungsvoller vermitteln als säkulare Einrichtungen – könnten also integrierend wirken.

          Dabei bestehen Glaube und Kirche ja auch nach der Aufklärung weiter, in durchaus aufgeklärter Gestalt. Die Muslime, die integriert sind, haben das nun auch für den Islam zu bewerkstelligen. In Fragen wie der Sterbehilfe und der Stammzellenforschung sollten nicht nur „rationale“ Wissenschaftler gehört werden, auch die Religionen sollten mitdiskutieren.

          Es ist unbestritten, Staat und Religion zu trennen. Der liberale Säkularismus deutscher oder amerikanischer Prägung wird dieser Aufgabe bei der heutigen gesellschaftlichen Realität aber mehr gerecht als die strikte Laizität. Gerade er sichert den gesellschaftlichen Frieden und sollte daher nicht weiter aufgeweicht werden.

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