https://www.faz.net/-hox-8jfok

Türkei : Warum der Putsch scheiterte

Verlassen kann sich die Regierung dabei auf die Polizei. So rief Ministerpräsident Yildirim in seiner ersten Stellungnahme die Polizei auf, sich gegen die Putschisten zu stellen. Die zivile Regierungen haben seit mehr als einem halben Jahrhundert versucht, die Polizei als ein Gegengewicht zur Armee aufzubauen, weniger als Schutz für die Bevölkerung, sondern für ihren eigenen Schutz.

Daher hat nicht überrascht, dass in jener Nacht auf den Samstag Kämpfe zwischen Putschisten und regierungsloyalen Polizisten gegeben hat. Dabei haben etwa die Putschisten im Viertel Gölbasi der Hauptstadt Ankara gleich zu Beginn des Putschversuchs eine der wichtigsten Quartiere für die Sondereinheiten der Polizei angegriffen, wobei 17 Polizisten getötet wurden.

Gescheiterter Putsch spielt Erdogan in die Hände

Die Putschisten konnten nicht das Hauptquartier der Gendarmerie in Ankara halten, von wo aus sie Befehle an die Gendarmerieposten in den 81 Provinzen des Landes geben wollten. Bei der Rückeroberung des Hauptquartiers durch loyale Einheiten der Armee wurden 16 Putschisten getötet und 250 festgenommen.

Der Putsch war gegen den türkischen Präsidenten gerichtet. Doch anstatt ihm zu schaden, profitiert Erdogan sogar davon.
Der Putsch war gegen den türkischen Präsidenten gerichtet. Doch anstatt ihm zu schaden, profitiert Erdogan sogar davon. : Bild: Reuters

Früh in der Nacht zum Samstag hatten die von Erdogan kontrollierten Staatsmedien Anhänger des amerikanischen Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Glaubwürdig ist das nicht.

Erdogan hat zwar die Armeespitze wiederholt aufgefordert, die Armee von Anhängern Gülens zu säubern. Immer haben die Generäle dann von der Regierung Beweise gefordert, um gegen eine behauptete Unterwanderung vorzugehen und eine Säuberung vorzunehmen.

Nach Kenntnis türkischer Fachleute sind diese Beweise deshalb nie vorgelegt worden, weil es sie nicht gibt. Bis heute sind Erdogan und seine Regierung auch die Beweise dafür schuldig, dass ein behaupteter „Parallelstaat“ von Gülens Anhängern hinter der Operation gestanden habe, die am 17. Dezember 2013 führende Politiker und Erdogan nahe stehende Geschäftsleute wegen Korruptionsverdacht festgenommen hatten. Die Korruptionsaffäre wurde die größte politische Bedrohung für Erdogan.

Gegen die Behauptung, dass Gülen hinter dem Putschversuch stehe, spricht ferner, dass hinter dem Putschversuch vor allem die Luftwaffe steht. In der türkischen Armee steht aber keine der Waffengattungen bis heute so fest auf dem Boden der Prinzipien des Staatsgründers Atatürk und geht so entschieden gegen alles Religiöse in ihren Reihen vor wie die Luftwaffe.

Als unwahrscheinlich halten türkische Beobachter ferner, dass die in der mystischen Sufi-Tradition stehenden Anhänger Gülens zu einem derart brutalen Vorgehen fähig sein sollen, wie es die Putschisten bei der Bombardierung des Parlaments oder bei dem einschüchternden Tiefflügen über Wohngebiete an den Tag gelegt haben.

Der Putschversuch hat Erdogans Stellung zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Sein Scheitern gibt ihm nun einen Grund in die Hand, die Armee zu säubern und noch massiver gegen missliebige Oppositionelle vorzugehen. Auch wird er nun leichter sein Projekt eines Präsidialsystems durchsetzen, bei dem er alle Macht in Händen hält. Sollten die Putschisten geplant haben, Erdogan zu schwächen, haben sie genau das Gegenteil erreicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Podcast starten 29:25

Podcast-Serie zur Wahl : Wo noch jeder Zweite SPD wählt

Im Bund abgeschlagen, im hohen Norden ungeschlagen: Zwischen Krabbenfischern und Gewerkschaftern ist die SPD in Emden noch Volkspartei. Auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis.
Gegenstand verschiedener neuer Bücher: der frühere amerikanische Präsident Donald Trump

Neue Bücher über Trump : Hitler-Vergleiche und Wutausbrüche

Mehrere Journalisten veröffentlichen neue Bücher über Donald Trump. Der gab dafür Interviews und nutzte sie vor allem, um wieder Lügen über eine „gestohlene Wahl“ 2020 zu verbreiten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.