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Türkei : Warum der Putsch scheiterte

Wo in der Gegenwart der Riss in der Armee verläuft, ist nach wie vor unklar. Sagen lässt sich, dass alle Ränge unter den Putschisten vertreten waren. So wurden am Samstag mehr als 2800 Soldaten festgenommen, unter ihnen mindestens sieben Generäle und viele Obristen. Festgenommen wurde etwa in Izmir Divisionsgeneral Memduh Hakbilen, der Kommandeur des Heeres für die Ägäisregion. In der ganzen Türkei wurden Brigadegeneräle festgenommen und nun angeklagt, etwa in Izmir und Bolu, in Kars und Ardahan.

Vermutungen über eine „Meuterei“ gab es bereits zuvor

Sagen lässt sich auch, dass die Putschisten vor allem aus der Luftwaffe und der Gendarmerie kommen, wenige sind aus dem Heer und der Marine dabei. So haben Soldaten der Gendarmerie die beiden Brücken über den Bosporus abgesperrt, und Generalstabschef Akar wurde auf der Luftwaffenbasis Akincilar festgehalten, die den Putschisten als Hauptquartier gedient hatte, bis er bei einer Operation befreit wurde.

General Ümit Dündar, der in Abwesenheit Akars kommissarisch die Leitung des Generalstabs übernommen hatte, sagte, die Putschisten hätten sich vor allem aus Luftwaffen und der Militärpolizei rekrutiert.

Zivile Fachleute in Ankara, die sich mit der türkischen Armee auskennen, bestätigen seit Monaten, dass die Unzufriedenheit in der Armee zunehme. Wiederholt hatte das Wort von einer möglichen bevorstehenden „Meuterei“ die Runde gemacht, nicht aber von einem Putschversuch. Der Generalstab sah sich denn auch zu einer Erklärung veranlasst, dass in der Türkei kein Coup mehr stattfinden könne.

Die Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung bleibt bestehen

Für Außenstehende ist es schwierig, in die türkische Armee hineinzusehen; sie gilt als „Black Box“. Als Gründe für die wachsende Unzufriedenheit wurden Erdogans Versuche genannt, den laizistischen Charakter der Republik aufzuweichen und alle Macht in seinen Händen zu bündeln. Eine Rolle soll auch gespielt haben, dass Erdogan die Verantwortung für den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im vergangenen November der Armee zuschieben will.

Polizisten triumphieren auf den von den Soldaten zurückgelassenen Panzern.
Polizisten triumphieren auf den von den Soldaten zurückgelassenen Panzern. : Bild: AP

Andererseits hatte sich zwischen Erdogan und der Armeespitze ein positives Arbeitsverhältnis entwickelt. Denn Erdogan lässt dem Militär im Krieg gegen die Kurden freie Hand, und er sorgt dafür, dass alle Budgetwünsche der Generäle für den Kauf neuer Waffen genehmigt werden.

In der vergangenen Woche hatte sogar der sozialistische Politiker Dogu Perincek, ein Vertrauter der Generäle und in der Vergangenheit einer der schärften Kritiker Erdogans, dem Präsidenten attestiert, er sei ein „Kemalist“ geworden, also wie die Armee ein Verfechter der Prinzipien des Staatsgründers Atatürk.

Der Putschversuch ist zwar niedergeschlagen. Die Unzufriedenheit in weiten Teilen der Armee und der Gendarmerie, die außerhalb der großen Städte für die öffentliche Sicherheit sorgen soll, bleibt aber bestehen.

Der Kampf zwischen Polizei und Armee

Wenn ihre Führer in großen Prozessen zu langen Haftstrafen verurteilt werden sollten, wird das ihre Einheiten nicht beruhigen. Ministerpräsident Yildirim brachte sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe ins Gespräch. Erste Stimmen werden daher in der Türkei laut, die fürchten, dass sich die Polarisierung des Landes, die die türkische Armee erreicht hat, in bürgerkriegsähnlichen Zuständen entladen könne.

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