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Türkei : Warum der Putsch scheiterte

Hätte die Regierung den Putsch verhindern können?

Hätten die Putschisten erfolgreich sein wollen, hätten sie zunächst versuchen müssen, die wichtigsten staatlichen Institutionen unter ihre Kontrolle zu bekommen. Sie hätten also, wie es ihre Vorgänger getan hatten, die zivilen Spitzen des Staates ausschalten sollen.

Sie besetzten jedoch lediglich das Hauptstadtbüro des türkischen Staatssenders TRT, wo eine Moderatorin unter vorgehaltener Pistole eine Erklärung des Führungsgremiums der Putschisten, dem „Komitee für inländischen Frieden“ zu verlesen hatte.

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Da zeigte sich eine weitere Schwäche der Putschisten. Die Führer der früheren Coups hatten ihre Erklärungen selbst verlesen. Diesem Putschversuch fehlte jedoch von Anfang an ein Gesicht. Wer immer zu dem „Komitee“ gehörte, sie blieben anonym. Wenig später, kurz nach zwei Uhr morgens, verlas dann der Generalstaatsanwalt Ankaras die Namen derer, die er anklagte, den Putschversuch geplant und gestartet zu haben.

Womit sich eine weitere Frage stellte: Wenn die Staatsanwaltschaft so schnell wusste, wer hinter dem Putschversuch steckt: Weshalb hat sie diesen durch Verhaftungen der Verdächtigten nicht verhindert? Und ist der Geheimdienst MIT noch so gut, seit Erdogans Vertrauter Hakan Fidan dessen Leitung abgegeben hat?

Nie haben die Generäle das Land demokratischer gemacht

Die Erklärung des „Komitees“, die verlesen wurde, enthielt durchaus Punkte, denen sich die meisten Kritiker von Präsident Erdogan und dessen Regierung von Binali Yildirim hätten abschließen können. Sie beklagte die ständige Verletzung der türkischen Verfassung und der Gesetze des Landes, die nicht aufgeklärten Korruptionsfälle und die Einschränkung der Grundrechte. Und die Erklärung versprach, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren. Einen Fahrplan oder aber ein Programm für die kommenden Monate enthielt die Erklärung aber nicht.

Auch in Hamburg wird gegen den Putschversuch demonstriert. Wieder einmal zeigt sich, wie zerrissen das Land ist.
Auch in Hamburg wird gegen den Putschversuch demonstriert. Wieder einmal zeigt sich, wie zerrissen das Land ist. : Bild: dpa

So mobilisierten die Putschisten aber auch keine Unterstützung. Das türkische Militär hatte zwar nach allen Coups die öffentliche Ordnung wiederhergestellt. Nie aber haben die Generäle das Land demokratischer und freier gemacht. Groß bleibt daher der Zweifel an den politischen Absichten und Zielen der Armee.

Nach wie vor wirft der Putschversuch viele Fragen auf. Er zeigt aber auch, wie zerrissen und polarisiert das Land unter der Herrschaft von Tayyip Erdogan geworden ist. Nicht nur die Gesellschaft ist gespalten; die Armee, die sich als Hüterin der Einheit des Landes versteht, ist es ebenfalls. Die Putschisten begehrten nicht allein gegen Erdogan und dessen AKP auf. Sie stellten sich auch gegen die Befehlskette innerhalb der Armee.

2800 Soldaten, sieben Generäle und viele Obristen

Mit dem Beginn der Operation war klar, dass der Generalstab nicht eingeweiht war. Rasch stellte sich heraus, dass Generalstabschef Hulusi Akar, der vor zwei Monaten Trauzeuge bei der Hochzeit einer Tochter Erdogans war, von den Putschisten als Geisel genommen wurde.

Auch die anderen Kommandeure der Waffengattungen wurden auf diese Art ausgeschaltet. Bei dem Putsch von 1960, den junge Offiziere geplant hatten, war der Generalstab zunächst ebenfalls nicht eingeweiht gewesen. Der Generalstab machte sich aber – anders am vergangenen Freitag – die Operation zu eigen, so dass der Putsch sein Ziel letztlich erreichte.

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