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Machtmensch Erdogan : Herrscher im Ein-Mann-Staat

Mit ihm ist nicht zu spaßen: der türkische Präsident Erdogan am Tag nach dem gescheiterten Putsch. Bild: AP

Auf dem Weg an die Spitze hat sich Recep Tayyip Erdogan auch durch Rückschläge niemals unterkriegen lassen. Der türkische Präsident ist eine Kämpfernatur und beherrscht das Faustrecht der Straße. Das bekommen seine Gegner zu spüren. Ein Porträt.

          Als die Türkei die Luft anhielt und sich zu Beginn des Putschversuchs fragte, was denn mit Präsident Erdogan geschehen sei, griff er an seinem Urlaubsort zu seinem Handy. Wie ein Guerillaführer aus dem Untergrund wandte er sich mittels FaceTime App an seine Anhänger, rief sie dazu auf, sich den Putschisten entgegenzustellen und auf die Straßen zu gehen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In der Stunde der Not setzte er ein Medium ein, das er zuvor wiederholt bekämpft und immer wieder eingeschränkt hatte – und das Blatt wendete sich rasch. Erdogan war zurück, und er wusste, selbst wenn die Putschisten kurzfristig die Oberhand behalten sollten: Seine Anhänger würden für ihn kämpfen. Er würde sich nicht wie sein Glaubensbruder Mursi, den die ägyptischen Generäle 2013 gestürzt hatten, kampflos ergeben und beiseite schieben lassen.

          Denn Erdogan ist ein Kämpfer. Bereits in dem ärmlichen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa, wo er 1954 geboren wurde, hatte er als Jugendlicher gelernt, sich mit der Faust in Straßenkämpfen durchzusetzen. Die türkische Redewendung „Kasimpasali“ heißt: Vorsicht, mit dem ist nicht zu spaßen, das ist ein harter Typ.

          Ein Teil von Erdogans Erfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass er diesen Reflex aus seiner Kindheit und Jugend, den seine Anhänger an ihm bewundern, nie ganz abgelegt hat. Erdogan provoziert gerne, er geht keinem Machtkampf aus dem Weg, und selbst als er 1998 als Oberbürgermeister Istanbuls abgesetzt und aus fadenscheinigen Gründen vier Monate ins Gefängnis musste, ließ er den Kopf nicht hängen.

          Nach seiner Entlassung trat er seinen langen Marsch durch Anatolien an, der 2001 in der Gründung seiner Partei mündete, der AKP. Sie regiert seit 2002 mit absoluter Mehrheit.

          Im Laufe seiner Karriere zeigte Erdogan immer neue Gesichter: Als Jugendlicher war er ein glühender Islamist; als Istanbuler Oberbürgermeister ein pragmatischer Macher; von 2003 an als Ministerpräsident zunächst ein Reformer, der die Türkei so nahe wie nie zuvor an Europa heranführte. 2007 zeigten sich erste autoritäre Züge, die sich nach mit dem Wahltriumph seiner AKP 2011 verfestigten.

          Der Machtmensch Erdogan hatte aus den Umständen jeweils das beste für ihn gemacht. 2014 wurde er in der ersten Direktwahl eines türkischen Präsidenten mit absoluter Mehrheit zum Staatsoberhaupt gewählt, wovon er seinen Anspruch ableitet, über der Regierung zu stehen.

          Seither hebelt er die Gewaltenteilung aus. Was unter Atatürk, dem Gründer der Republik, als Ein-Parteien-Staat begonnen hatte, ist heute ein Ein-Mann-Staat.

          Selbst als Erdogan noch ein erfolgreicher Reformer war, ließ er Kritik nicht zu. Als erste wurden die türkischen Karikaturisten vom Zorn des Mannes getroffen, den viele Türken als charismatischen Aufsteiger bewundern.

          Der gescheiterte Putsch böte ihm nun die Chance, eine neue Phase in seiner Karriere zu beginnen, den des Versöhners der Nation. Seine Äußerungen deuten jedoch darauf, dass ihm Vergeltung wichtiger ist. Er nannte den Putsch ein „Geschenk Allahs“, und nach dem drole de coup begann die große Säuberung, die offenbar schon vorbereitet war.

           

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