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Machtkampf in der Türkei : Duell der Gigantomanen

Gökcek nutzt städtische Ressourcen für den Wahlkampf

Dass sich Gökcek bedroht fühlt, zeigt der Verlauf des hauptstädtischen Wahlkampfs. In keiner türkischen Stadt wurde in den vergangenen Wochen mit härteren Mitteln um den Wähler gerungen. Vergangene Woche ließ Gökceks Wahlkampfteam einen Hubschrauber über der Stadt kreisen mit einem Banner, auf dem zu lesen war: „Wir übergeben Ankara nicht den Gezi-Anhängern“. Gökcek behauptete, sein Gegenkandidat plane, 25.000 der 26.000 städtischen Angestellten zu entlassen, um sie durch gewaltbereite Anhänger der Gezi-Protestbewegung zu ersetzen. Das ist jene im Sommer 2013 in Istanbuls Gezi-Park entstandene diffuse Strömung von Erdogan-Gegnern, der Gökcek unter anderem vorwarf, sie arbeite an dem Bau von Atombomben. Yavas wehrte sich gegen die Unterstellungen des Amtsinhabers und versicherte, er habe keinesfalls vor, Stadtangestellte zu entlassen.

Teil des Wahlkampfs waren auch von Unbekannten aufgehängte gefälschte Wahlplakate, die Mansur Yavas mit einem linken Kurdenpolitiker aus der alevitisch geprägten Provinz Tunceli zeigten – eine ganz üble Kombination für konservative Türken, auf die der Wahlkampf des Herausforderers zielt. Unter der Montage stand der Slogan: „Wir werden zusammen regieren. Eure Stimmen für die CHP.“ Yavas hat seinen Wählern zwar auch einige chauvinistische Großprojekte versprochen, darunter „Parks des nationalen Stolzes“, die an berühmte Schlachten der türkischen Geschichte und Vorgeschichte erinnern sollen. Er konzentriert sich jedoch auf pragmatische Projekte zur Verbesserung des Ankaraner Nahverkehrs. Das Metronetz soll ausgebaut, die Betriebszeit des Nahverkehrs verlängert werden. Die derzeitige Stadtverwaltung verstehe nicht, dass der Bau von immer mehr Schnellverkehrsstraßen allein das Verkehrschaos Ankaras nicht lösen könne, so Yavas. Er will der Stadt einen „grünen Gürtel“ geben, damit die Hauptstädter auch jenseits von Einkaufszentren ihre Zeit an öffentlichen Orten verbringen können.

Amtsinhaber Gökcek setzt unterdessen die Ressourcen der Stadtverwaltung für seinen Wahlkampf ein. Die Stadt liefert kostenfrei Kohle, Waschmittel und andere Alltagsartikel in arme Stadtteile, in denen der Wahlkampf besonders knapp auszugehen droht. Offiziell werden die Lieferungen als städtische Sozialhilfe deklariert, die nichts mit dem Wahlkampf zu tun habe. Dass die Beschenkten das anders sehen (sollen), bestreitet freilich auch die AKP nicht glaubwürdig. Gökcek würzte den Wahlkampf zudem mit der Andeutung, seine Feinde planten ein Attentat auf ihn. Leider werde es „15 Tage vor den Wahlen“ Mordanschläge geben. „Ich werde vielleicht auch ermordet werden“, kündigte er in einem Interview an. Die von ihm genannte Frist ist inzwischen zwar verstrichen und Gökcek unübersehbar am Leben, er hat zur Sicherheit aber fünf Briefe an seine Söhne verfasst, die sie nach seinem Tod verlesen sollen, damit das ganze Land erfahre, wer ihrem Vater erfolgreich nach dem Leben trachtete. Der von einigen Medien vorgebrachte Einwand, dass ein vom Tode Bedrohter solche Einsichten besser schon zu Lebzeiten mitteile, wenigstens der Polizei, die dann gegen die angehenden Missetäter vorgehen könne, blieb unerhört. Gökcek will Ankara verteidigen – tot oder lebendig.

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