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Istanbuls Bürgermeister : Der Loyale

Kadir Topbas Bild: picture alliance / dpa

Istanbuls Bürgermeister achtete in den vergangenen Tagen stets darauf, nichts über die Proteste in seiner Stadt zu sagen, was seinem Parteichef missfallen könnte. Vielleicht sagt Kadir Topbas deshalb fast gar nichts mehr.

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          Istanbul nimmt in der Geschichte der türkischen Regierungspartei AKP eine Sonderstellung ein. Hier, nicht in der Hauptstadt Ankara, begann der Aufstieg der „Partei für Aufbau und Gerechtigkeit“, und zwar gewissermaßen schon vor ihrer Gründung. Als Bürgermeister Istanbuls von 1994 bis 1998 führte Recep Tayyip Erdogan etwas für die Türkei Neuartiges ein: Gute Regierungsführung, nah am Bürger. Groß war die Skepsis nach Erdogans Wahlsieg, galt er seinen Gegnern doch als beschränkter Islamist, zur Führung einer Weltstadt unfähig. In seiner Amtszeit verbesserte sich das Alltagsleben in dem Moloch am Bosporus dann aber deutlich. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden pünktlicher, das Wasser im Goldenen Horn sauberer, die Luftqualität besser. In Istanbul erwarb sich Erdogan mit einer modernisierten Variante des politischen Islams einen Vertrauensvorschuss, der seiner AKP nach deren Gründung 2001 zu ihren Wahlsiegen verhalf.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Damals war Kadir Topbas Erdogans Berater in Istanbul, nun ist er selbst Bürgermeister. Neun Jahre älter als der türkische Ministerpräsident, ist Topbas Absolvent des gleichen „Imam Hatip Lisesi“, einer Schule mit starker Ausrichtung auf islamische Lehrinhalte, die auch Erdogan absolvierte. 1999 wurde Topbas zum Bürgermeister von Beyoglu gewählt - jenes Stadtteils, in dem der mittlerweile weltberühmte Gezi-Park sowie der Taksim-Platz liegen. Damals stieß er das Projekt „Güzel Beyoglu“ („Schönes Beyoglu“) an und verfasste ein Buch mit dem Titel: „Beyoglu: Die Stadt, die Kulturen zusammenbringt.“

          Theologe und Architekt

          Das geschieht derzeit tatsächlich im Gezi-Park zu Beyoglu, findet aber nicht die Zustimmung des Bürgermeisters. Topbas achtete in den vergangenen Tagen stets darauf, nichts über die Proteste in seiner Stadt zu sagen, was seinem Parteichef missfallen könnte. Vielleicht sagt er deshalb seit Tagen fast gar nichts mehr. In der ersten Juniwoche traf sich Topbas mit Demonstranten, warnte sie aber, Erdogan sei zum Bau eines Gebäudes im Gezi-Park entschlossen, und so werde es kommen. Erdogan hat keinen Grund, an der Loyalität seines Bürgermeisters zu zweifeln. Die Istanbuler schon eher.

          Topbas studierte in Istanbul Theologie an der Marmara-Universität und im Anschluss Architektur an der nach dem osmanischen Baumeister Mimar Sinan benannten Hochschule. Er arbeitete danach lange als Architekt und engagierte sich im Denkmalschutz. Fragen der Stadtplanung sind ihm nicht fremd. Als Kandidat der AKP wurde Topbas im März 2004 mit deutlicher Mehrheit zum Bürgermeister gewählt und 2009 bestätigt. Als amtsmüde gilt er nicht, eine dritte Kandidatur bei der Kommunalwahl 2014 gilt als möglich. Kadir Topbas ist kein Istanbuler. Geboren wurde er 1945 in der Kleinstadt Yusufeli im Nordosten der Türkei. Die Stadt liegt nicht allzu weit vom Schwarzen Meer und der georgischen sowie der armenischen Grenze entfernt. Sie gehört zu jenen Orten der Türkei, deren Einwohner sich noch nicht wie nun die Istanbuler auf so lästige Weise in Dinge einmischen, die sie etwas angehen.

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