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Istanbul : Unruhen nach Angriff auf Plattenladen

  • Aktualisiert am

Polizisten gehen am Samstagabend in Istanbul gegen regierungskritische Demonstranten vor. Bild: dpa

Die türkische Polizei treibt hunderte junge Demonstranten auseinander, die gegen religiös motivierte Übergriffe und Präsident Erdogan protestieren. Das Staatsoberhaupt will ein umstrittenes Bauprojekt im Gezi-Park aufleben lassen.

          Die türkische Polizei ist in Istanbul massiv mit Tränengas und Wasserwerfern gegen hunderte regierungskritische Demonstranten vorgegangen. Nach einem Angriff von Islamisten auf einen Plattenladen in Istanbul waren am Samstagabend rund 500 Menschen in der türkischen Metropole zu einer Protestkundgebung auf die Straße gegangen.

          „Alle gemeinsam gegen den Faschismus“, riefen die Demonstranten, die sich im Istanbuler Stadtteil Cihangir versammelten. Den islamisch-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nannten sie einen „Dieb“ und „Mörder“, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Die Protestkundgebung wurde von der Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst.

          Angriff auf Plattenladen

          Am Freitagabend waren rund 20 Islamisten in einen Plattenladen im Viertel Tophane eingedrungen und hatten Musikfans angegriffen, die dort das neue Album der Band Radiohead anhörten. Die Angreifer warfen den Leuten im Plattenladen „Velvet IndieGround“ vor, im Ramadan Alkohol zu trinken. Laut der Nachrichtenagentur Dogan wurden zwei Menschen verletzt, die Polizei leitete Ermittlungen ein.

          Ein Video-Mitschnitt der Attacke wurde im Internet verbreitet. Die Aufnahmen zeigen, wie mehrere Männer unter lauten Rufen das Plattengeschäft stürmen, Menschen auf die Straße treiben und vor dem Laden Möbel umwerfen. In Tophane, das im europäischen Teil der Bosporus-Metropole liegt, wurden auch schon mehrere Galerien von Islamisten attackiert.

          Wie die Zeitung „Hürriyet“ am Samstag berichtete, hielten sich während des Angriffs viele Südkoreaner in dem Plattenladen auf. Auch der Besitzer des Ladens stammt demnach aus Südkorea, lebt aber schon seit vielen Jahren in der Türkei. Das neue Radiohead-Album „A Moon Shaped Pool“ konnte am Freitag weltweit in Plattenläden angehört werden.

          Die Band zeigte sich bestürzt über den Angriff. „Wir sind mit unseren Herzen bei den Angegriffenen“, erklärte Radiohead auf seiner Internetseite. „Wir hoffen, dass wir auf solche gewalttätigen Ausbrüche von Intoleranz eines Tages wie auf Dinge aus einer fernen Vergangenheit zurückblicken können. Fürs Erste können wir unseren Fans in Istanbul nur unsere Liebe und Unterstützung anbieten.“

          Bau im Gezi-Park soll kommen

          Unterdessen wurde bekannt, dass trotz heftiger Proteste vor drei Jahren Präsident Erdogan ein umstrittenes Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park neu beleben will. „Wir werden dort dieses historische Gebäude bauen“, kündigte Erdogan am Samstag bei einem öffentlichen Auftritt in der Millionenmetropole an. Es gelte, sich diesem Projekt „mit Mut“ zu widmen, sagte er.

          Erdogan spielte damit auf seine Pläne vor drei Jahren an, auf dem Gelände des kleinen Parks am Taksim-Platz ein osmanisches Kasernengebäude wieder zu errichten, in dem unter anderem ein Einkaufszentrum untergebracht werden sollte. Die Pläne hatten im Sommer 2013 wochenlange Unruhen im ganzen Land ausgelöst, bei denen acht Menschen starben. Der Park ist seitdem ein Symbol der türkischen Bürgerrechtsbewegung.

          Nach den blutigen Unruhen lagen die Pläne auf Eis. Doch im vergangenen Juli hob der türkische Verwaltungsgerichtshof alle vorherigen Gerichtsurteile auf, mit denen das Bauprojekt gestoppt worden war. Auf dem Taksim-Platz sind inzwischen alle Kundgebungen verboten und werden systematisch von der Polizei aufgelöst.

          Unterdessen verboten die Behörden unter Hinweis auf die Sicherheitslage eine bis zum Monatsende in Istanbul geplante Gay-Pride-Parade. Islamisten und Rechtsextreme hatten gedroht, die Parade zu verhindern. Vergangenes Jahr war eine ähnliche Kundgebung von der Polizei aufgelöst worden. In den Jahren davor hatte die Veranstaltung ohne Zwischenfälle stattfinden können.

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