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Istanbul am Tag danach : Wie Erdogan seine Anhänger aufputscht

  • -Aktualisiert am

Jubel auf dem Taksim-Platz in der Nacht nach dem gescheiterten Putsch: Für sie ist Erdogan der Größte Bild: dpa

Am Tag nach dem gescheiterten Putschversuch herrscht am Taksim-Platz eine latent aufgeheizte Stimmung. Erdogan-Anhänger feiern ihren Sieg über Militärs, die ihr Idol stürzen wollten. In anderen Vierteln Istanbuls ist die Freude nicht ganz so groß.

          Am Tag nach dem gescheiterten Putschversuch ist es ein wenig ruhiger im Zentrum Istanbuls als sonst, aber die Stimmung wirkt zumindest in den Nachmittagsstunden relativ gelöst. Auf der Istiklalstraße kaufen immerhin schon wieder ein paar Touristen ein, auch wenn viele Geschäfte geschlossen haben und Straßenhändler bieten seelenruhig ihre Lose, Sesamkringel und Röstkastanien feil.

          Einige winken einem jungen Mann zu, der auf seinem Moped mit einem kleinen Jungen auf dem Rücksitz durch die Fußgängerzone brettert, dabei die türkische Flagge schwenkt und aus vollem Halse einen nationalistischen Marsch schmettert. Genug Platz hat er an diesem Nachmittag auf der normalerweise heillos überfüllten Straße.

          Die etwa hundert Demonstranten, die ein paar Meter weiter auf dem Taksim-Platz zusammengekommen sind, größtenteils Männer unterschiedlichsten Alters, wirken nicht ganz so locker. Einige klettern auf dem Denkmal des Staatsgründers Atatürk herum, das in der Nacht zuvor von am Putsch beteiligten Soldaten umzingelt war und lassen sich dabei filmen und fotografieren. Doch insgesamt ist die Stimmung eher verbissen und ein wenig aggressiv.

          Fragt man die Männer, warum sie hier sind, sagen sie, sie seien den Aufrufen Erdogans gefolgt. Der Präsident hatte seine Bürger wiederholt dazu aufgerufen, die Straßen und öffentlichen Plätze nicht zu verlassen, und „Wache für die Demokratie und den Frieden“ zu halten.

          Am frühen Morgen nach dem gescheiterten Putschversuch von Freitagabend, während in Teilen Istanbuls noch immer Schüsse zu hören sind, bekommen alle Handynutzer in der Türkei eine SMS vom Staatspräsidenten hochstpersönlich.

          Die „verehrten Kinder des türkischen Volkes“ sollen ihre Demokratie und ihren Frieden verteidigen, bat Recep Tayyip Erdogan, und erklärte es zur Bürgerpflicht, Präsenz „auf den Straßen“ zu zeigen.

          Bei seinem siegessicheren Auftritt am Istanbuler Atatürk Flughafen nach Beendigung des Putschversuches hatte er sich ähnlich geäußert. Bis sich die Lage normalisiert habe, sollten die Bürger die Straßen und Plätze nicht verlassen, sagte er in seiner dortigen Rede.

          Er habe keine Angst vor Panzern und Kampfjets, ruft ein älterer Mann, er sei bereit für dieses Land zu sterben, dann stimmen er und die Umstehenden „Allahu Akbar“-Rufe an. Es klingt wie ein Schlachtruf.

          Aufräumen nach dem Putschversuch: Ein Polizist überwacht den Abtransport eines Panzers, den aufständische Truppenteile am Taksim-Platz postiert hatten.

          Die „Allahu Akbar“-Rufe werden in den kommenden Stunden und durch die ganze Nacht hindurch immer lauter in Taksim und Umgebung. Am späten Nachmittag rollt ein Panzer mit geöffnetem Verdeck auf den Platz. Nicht Soldaten sitzen darin, sondern Mitarbeiter der Istanbuler Stadtverwaltung.

          Es sei einer der Panzer, die in der vergangenen Nacht sichergestellt worden seien, sagt einer von ihnen. Warum er hierher gebracht werde, könne er nicht sagen, doch es scheint offensichtlich. Es ist eine Zurschaustellung dieses Symbols des Putschversuches. Die anwesenden Männer umringen den Panzer johlend, Fäuste schwenkend, und – natürlich – „Allahu Akbar“ rufend.

          Aus der Nacht zuvor machten unzählige Bilder im Internet und den sozialen Netzwerken die Runde von Demonstranten, die auf Panzer klettern, türkische Flaggen auf ihnen befestigen, triumphieren. Dazu kommt es hier nicht. Der Panzer verschwindet so schnell wieder vom Platz, wie er aufgetaucht ist.

          In den frühen Abendstunden füllt sich der Platz und die Istiklalstraße immer mehr mit Parolen skandierenden, Flagge schwenkenden, glühenden Erdogan-Anhängern. Je später die Stunde, desto mehr füllen Männer mit Turbanen, langen Bärten und robenartigen Gewänden den Platz. Die Muezzine der Stadt scheinen die Order bekommen zu haben, neben den regulären Gebetsrufen immer wieder das Volk zum „Widerstand“ gegen den eigentlich ja längst verhinderten Putsch aufzurufen.

          Aus den Lautsprechern der kleinen Moschee neben dem Taksim-Platz ertönen immer wieder die mahnenden Worte. Das Volk müsse auf die Straßen, ruft der Imam mit heiserer Stimme, um seinen Willen zu demonstrieren und um gegen den „Terrorismus“ zusammenhalten.

          Angst vor Übergriffen von Erdogan-Anhängern

          Dass die Putschisten der letzten Nacht nur wenig gemeinsam haben mit denen, die sonst gemeint sind, wenn von „Terroristen“ die Rede ist, stört hier niemanden. Neben den inzwischen pausenlos ertönenden „Allahu Akbar“-Rufen hört man die Demonstranten vereinzelt auch Slogans gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK und ihren Chef Öcalan skandieren.

          Im nahe gelegenen Cihangir-Viertel, das von Künstlern, Kreativen und Intellektuellen bevölkert ist, bekannt für seine Bars, Boutiquen und Clubs, ist es derweil für einen Samstagabend ungewöhnlich ruhig. Die Menschen, die hier leben und ausgehen, sind zum allergrößten Teil genausoweit entfernt davon, einen Militärputsch gutzuheißen, wie Erdogans Anhängerschaft, doch von Jubelstimmung ist hier keine Spur.

          Ein Leibwächter überwacht auf einem Gebäudedach in Istanbul die Menschenmenge, die einer Rede Präsident Ergans wenige Stunden nach dem gescheiterten Staatsstreich folgt.

          Die 24 Jahre alte Künstlerin Bezen Aksu, die unter diesem Namen in den sozialen Medien aktiv ist, aber eigentlich anders heißt, hat die Sorge, die Bewohner ihrer Viertel und anderer säkularer Wohngegenden in Istanbul umtreibt, in einem Twitter-Account gebündelt. In ihrem Cihangir-Netzwerk tauschen Menschen, die sich vor der fortschreitenden Islamisierung der Gesellschaft fürchten, ihre Erfahrungen aus.

          Am Sonntagvormittag berichtet Aksu, dass im Ausgehviertel von Cihangir wohl noch nie so wenig los war, wie in der vergangenen Samstagnacht. „Meine Nachbarn und Freunde bleiben gerade lieber zu Hause“, erzählt sie.

          Verhaltene Freude bei Erdogan-Kritikern über Scheitern des Putschs

          Die islamischen Radikalen machten besonders jungen, säkularen Frauen wie ihr Angst. Seit Samstag häuften sich die Berichte von Betroffenen, die erzählten, sie seien auf dem Taksim Platz und anderswo von Männern beschimpft  worden, weil sie kurze Röcke und tiefe Dekolletés trugen. „Diese Leute gab es natürlich auch schon vorher, aber seit der Nacht des Putschversuches stachelt Erdogan sie an, auf die Plätze zu gehen, und deshalb strömen sie nun auf den Taksim-Platz und wollen ihn am liebsten gleich ummodeln“, sagt sie.

          Auf Twitter hat sie Fotos geteilt, die betende Menschen vor dem Atatürk-Denkmal zeigen, dazu schreibt sie, „In unserem Viertel gibt es viele bequeme, saubere Moscheen zum Beten. Der Taksim Platz ist für die Straßenbahn und die Passanten.“ Die junge Frau sagt, sie sei sich unter diesen Umständen nicht so sicher, ob ein Militärputsch wirklich die allerschlechteste Idee gewesen wäre, „Vielleicht bin ich zu naiv und zu jung, um das Ausmaß zu begreifen, ich habe ja den Putsch von 1980 und die schlimmen Zeiten danach nicht mitbekommen. Aber wenn ich mich zwischen Scharia und Militärdikatur entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich letztere wählen.“

          Mit dieser Ansicht gehört Aksu zu einer verschwindend geringen Minderheit. Die meisten Erdogan-Kritiker sind heilfroh, dass der Putsch gescheitert ist, das bekräftigt auch der für seine regierungskritischen Ansichten bekannte Politikwissenschaftler Koray Caliskan. Doch die Freude ist verhalten.

          In der Nacht auf Sonntag zeigt sich wieder einmal, dass die Sorgen in Teilen der Bevölkerung  ihre Berechtigung haben. Einige der auf dem Taksim-Platz demonstrierenden AKP-Getreuen versuchten zu später Stunde in das kurdisch-alevitische Gazi-Viertel einzudringen, das für seine linke, regierungskritische Haltung bekannt ist.

          Es kam zu Unruhen, die von der Polizei mit Einsatz von Wasserwerfern schnell unter Kontrolle gebracht wurden. Und aus Ankara machten Berichte über Übergriffe in syrischen Vierteln die Runde. Dass es für den Frieden im Lande nicht die beste Idee ist, die ohnehin aufgeheizte Stimmung im Volke weiter anzustacheln, das ist in der Nacht auf Sonntag deutlich geworden.

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